Der Weihnachtsbraten
von Rita Fehling
"Sag mal, was soll ich dieses Jahr eigentlich zu Weihnachten kochen?"
Diese bedeutungs-schwere Frage richte ich an meinen Sohn, der in letzter
Zeit mit dem Essen sehr mäkelig ge-worden ist. Ich will schließlich
nicht riskieren, dass er am heiligen Fest ein langes Gesicht macht. Er
wartet auf mütterliche Vorschläge. Gans, Ente, Wildschwein,
Hase, Rehrücken... Ist ihm alles nicht Recht.
Mit Freude nehme ich sein Interesse am Kochen zur Kenntnis, das er durch
den Kochunter-richt in der Schule erworben hat. Stolz erzählt er,
welche komplizierten und doch sehr schmackhaften Gerichte er dort schon
gekocht hat. Er sieht mich schwer beeindruckt.
"Wenn dir alles nicht passt, was ich kochen will, wie wär's,
wenn du kochst?" Ich weiß, ein sehr abenteuerlicher Vorschlag.
Ich stelle mir bildlich vor, wie an diesem hohen Feiertag mei-ne Küche
aufs Wildeste verwüstet wird. Aber warum eigentlich nicht? Schließlich
lernen die Kids kochen nur durch kochen. Und wenn ich immer all die Arbeit
an mich reiße, dann kann er ja keine Erfahrungen sammeln. Ich lasse
mich also auf den Deal ein.
"Papa, weißt du schon, dass ich dieses Jahr zu Weihnachten
koche?"
Ein wahrhaft erstauntes Grunzen kommt aus väterlichem Mund. "Nie
im Leben, das erlaubt Mama nie!"
"Doch, kannst sie fragen, ich darf kochen."
"Glaub ich nicht."
"Jawohl!"
"Du und kochen? Du maulst doch schon, wenn du bloß mal das
Frühstück machen sollst. Dann koche ich schon lieber."
Nachdenklich legt der Sohn seinen Kopf schief und stellt sich seinen Erzeuger
vor, wie er ein weihnachtliches Menü zubereitet. "Mensch, Papa,
du kannst doch gar nicht kochen."
"Was glaubst du denn, was ich alles kann. Ich wird's dir beweisen."
Sprach's und ging seiner Wege. Der Sohn hingegen war nun doch froh, dass
er nicht dafür büßen musste, dass er seinen Mund zu voll
genommen hatte. Es kamen - berechtigte - Zweifel wegen des Bewältigens
dieser Aufgabe in ihm hoch. Aber wenn Papa das machen würde.... um
so besser.
Es begab sich aber in diesem Jahr, dass nach dem turbulenten Fest des
Heiligen Abends in einer kleinen Familie in Deutschland alle drei Familienmitglieder
sich etwas ratlos ansahen, denn nach dem Frühstück und den vormittäglichen
Verwandtschaftsbesuchen stellte sich ein leichtes Hungergefühl ein.
Und ein jeglicher wartete, dass der andere kochen möge. Aber je-der
hatte sich auf den anderen verlassen.
Was es bei uns zu Essen gab? Wissen Sie, Spaghetti schmecken eigentlich
immer.
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