Felix holt Senf
von Erich Kästner
eingeschickt von Lena
Es war am Weihnachtsabend im Jahre 1927 gegen sechs Uhr , und Preissers
hatten eben beschert.Der Vater balancierte auf einem Stuhl dicht vorm
Weihnachtsbaum und zerdrückte die Stearinflämmchen zwischen
den angefeuchteten Fingern.Die Mutter hantierte draußen in der Küche
, brachte das Eßgeschirr und den Kartoffelsalat in die Stube und
meinte:
>>Die Würstchen sind gleich heiß!<<
Ihr Mann kletterte vom Stuhl,klatschte fidel in die Hände und rief
ihr nach: >>Vergiß den Senf nicht!<<
Sie kam, statt zu antworten , mit dem leeren Senfglas zurück und
sagte:>>Felix,hol Senf!Die Würstchen sind sofort fertig.<<
Felix saß unter der Lampe und drehte an einem kleinen billigen Fotoapperat
herum.Der Vater versetzte dem Fünfzehnjährigen einen Klaps und
polterte:>>Nacher ist auch noch Zeit. Hier hast du Geld.Los,hol
Senf!Nimm den Schlüssel mit,damit du nicht klingeln brauchst.Soll
ich dor Beine machen?<<
Felix hielt das Senfglas , als wolle er damit fotografieren,nahm den Schlüssel
und lief auf die Straße.Hinter den Ladentüren standen die Geschäftsleute
ungeduldig und fanden sich vom Schicksal ungerecht behandelt . Aus den
Fenstern aller Stockwerke schimmerten die Christbäume . Felix spazierte
an hundert Läden vorbei und starrte hinein , ohne etwas zu sehen.Er
war in einem Schwebezustand ,der mit Senf und Würstchen nichts zu
tun hatte.Er war glücklich,bis ihm vor lauter Glück das Senfglas
aus der Hand aufs Pflaster fiel.Die
Rolläden prasselten an den Schaufenstern herunter und Felix merkte,dass
er sich seit
einer Stunde in der Stadt herumtrieb.Die Würstchen waren längst
geplatzt!
Er brachte es nicht über sich , nach Hause zu gehen.So ganz ohne
Senf! Gerade
heute hätte er Ohrfeigen nicht gut vertragen.
Herr und Frau Preisser aßen die Würstchen mit Ärger und
ohne Senf.Um acht wurden sie ängstlich . Um neun liefen sie aus dem
Haus und klingelten bei Felix Freunden.
Am ersten Weihnachtsfeiertag verständigten sie die Polizei. Sie warteten
drei Tage vergebens . Sie warteten drei Jahre vergebens . ´Langsam
ging ihre Hoffnung zugrunde , schließlich warteten sie nicht mehr
und versanken in hoffnungsloser Traurigkeit.
Die Weihnachtsabende wurden von nun an das Schlimmste im Leben der Eltern.Da
saßen sie schweigend vorm Christbaum ,betrachteten den kleinen billigen
Fotoapperat und ein Bild ihres Sohnes , das ihn als Konfirmanden zeigte,im
blauen Anzug , den schwarzen Filzhut keck auf dem Ohr.Sie hatten den Jungen
so liebgehabt, und daß der Vater manchmal eine lockere Hhand bewiesen
hatte, war doch nicht böse gemeint , nicht wahr? Jedes Jahr lagen
die zehn alten Zigarren unterm Baum,die Felix dem Vater damals geschenkt
hatte,und die warmen Handschuhe für die Mutter.Jedes Jahr aßen
sie Kartoffelsalat mit Würstchen, aber aus Pietät ohne Senf.Das
war ja auch gleichgültig , es konnte ihnen doch niemals schmecken.
Sie saßen nebeneinander,und vor ihren weinenden Augen verschwammen
die
brennenden Kerzen zu großen glitzernden Lichtkugeln.Sie saßen
nebeneinander,und er
sagte jedes Jahr: >>Diesmal sind die Würstchen aber ganz besonders
gut.<< Und sie antwortete jedesmal:
>>Ich hol dir die von Felix noch aus der Küche.Wir können
jetzt nicht mehr warten.<<
Doch um es rasch zu sagen:Felix kam wieder.
Das war am Weihnachtsabend im Jahre 1932 kurz nach sechs Uhr...Die Mutter
hatte die heißen Würstchen hereingebracht , da meinte der Vater:>>Hörst
du nichts? Ging nicht eben die Tür?<< Sie lauschten und aßen
dann weiter. Als jemand ins Zimmer trat,wagten sie
nicht,sich umzudrehen.Eine zitternde Stimme sagte:>>So,da ist der
Senf , Vater.<<
Und eine Hand schob sich zwischen den beiden alten Leuten hindurch und
stellte
wahrhaftig ein gefülltes Senfglas auf den Tisch.
Die Mutter senkte den Kopf ganz tief und faltete die Hände.Der Vater
zog sich am Tisch hoch,drehte sich trotz der Tränen lächelnd
um , hob den Arm, gab dem jungen Mann eine schallende Ohrfeige und sagte
:>>Das hat aber ziemlich lange gedauert , du Bengel.Setz dich hin!<<
Was nützte der Beste Senf der Welt , wenn die Würstchen kalt
werden?Daß sie
kalt wurden , ist erwiesen.Felix saß zwischen den Eltern und erzählte
von seinen Erlebnissen in der Fremde , von fünf langen Jahren und
vielen wunderbaren Sachen.Die Eltern hielten ihn bei den Händen und
hörten vor Freude nicht zu
Unterm Christbaum lagen Vaters Zigarren , Mutters Handschuhe und der
billige Fotoapperat. Und es schien , als hätten fünf Jahre nur
zehn Minuten
gedauert.
Schließlich stand die Mutter auf und sagte :>>So Felix, jetzt
hol ich dir
deine Würstchen.´<<
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