Karibische "Jingle Bells"
von Rita
Fehling
"Nein wirklich, dieser ganze Weihnachtstrubel geht mir so auf die
Nerven." Ich heule mich bei meiner Freundin aus, die meine Einstellung
nun gar nicht teilt. "Seit Wochen nur ,Jingle Bells' und ,Oh Tannenbaum'.
Alles rennt und hetzt, nur weil bald Weihnachten ist.
"Ach, Weihnachten ist doch schön! Ich weiß gar nicht,
was du hast. Wenn du irgendwo wärst, wo man nicht so feiert wie hier,
wärst du auch nicht zufrieden."
Mensch, das ist es, denke ich mir! Irgendwohin, wo es nicht so verdammt
weihnachtlich ist. Ganz vorsichtig frage ich bei meiner Familie an, ob
wir in diesem Jahr nichtmal verreisen wollen. "Es gibt bestimmt noch
ein paar günstige Last-Minute-Angebote," locke ich. Doch Kind
und Mann wollen davon nichts wissen. Weihnachten ist nur schön zu
Hause. Sagen sie. Ist ja auch kein Wunder. Wer hat denn die ganze Verantwortung
für die Vorbereitungen an der Backe? Wer plant das Essen, wer schreibt
den Stapel Weihnachtskarten, wer kauft die Geschenke, wer backt die Plätzchen?
Advent, Advent, die Mutti rennt.
Ich erzähle meinen beiden von den vielen Dingen, die ich noch zu
erledigen habe und male gleichzeitig in den schönsten Tönen
die Vorzüge einer karibischen Weihnacht aus. Es hat einige Tage gedauert,
aber ich hab's geschafft.
Wir haben noch ein richtiges Reiseschnäppchen gemacht. Eine Woche
Dominikanische Re-publik. Ein Wahnsinn: Weihnachten am Strand. Palmen,
Meer und warmes Wetter, keine ü-bervollen Weihnachtsmärkte,
keine Lichterketten, keine Hektik, kein Weihnachtsbraten, der vorbereitet
werden will. Das Hotel hat natürlich für den 24. ein besonderes
Programm. Für die meist europäischen Gäste haben sie ein
perfektes Arrangement zusammengestellt. In der Lounge des Hotels ist ein
riesiger Tannenbaum aufgestellt. Dahinter hat man eine künstliche
Schneelandschaft mit Schneemännern und Schlitten aufgebaut. Und man
sang "Jingle Bells". Alle sangen "Jingle Bells". Auch
wir. Mit Tränen der Rührung in den Augen, Weihnachtslie-der
singend, genossen wir den Heiligen Abend und dachten an unsere Lieben
daheim.
"Ja, es war wunderbar", bestätigte ich meiner Freundin.
Ich bereue nicht, dass wir dieses Mal vor Weihnachten geflohen sind."
Ob wir denn nichts vermisst hätten, fragt sie noch.
"Vermisst? Nö, vielleicht hätten sie noch ,Oh Tannenbaum'
singen sollen."
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