Weihnacht bei den Tieren
von Hans Friedrich Blunck
So alt war Vater Krohn, dass er sich auf sein Gehör
nicht mehr verlassen konnte, das ihm doch bislang gut gedient hatte. Immer
glaubte er, es kämen Schritte - er wartete ja, dass sein Sohn von
drüben ihm zur Weihnachtsfeier holte, aber er wartete schon lange,
man hatte ihn wohl vergessen.
Als der Altenteiler da nun trübselig saß, überlegte und
halblaut seine Gedanken vor sich hin sprach, stand auf einmal der kleine
Busemann Puk vor ihm. Das ist der Knirps aus dem Stall, den man nur zu
hohen Festen sieht. Kindsgroß schien er und hatte eine neue rote
Mütze auf dem Kopf.
" Kommst mit, Vater Krohn?"
"Wie soll ich mit die gehen", knurrte der Alte, "meine Kinder werden mich
gleich holen!"
Der Zwerg murrte und war nicht mehr zu sehen.
nach einer Weile kam Busemann wieder.
"Willst jetzt mit, Vater Krohn, das Essen ist bald gar!"
"Schönen Dank, Busemann, aber sie zünden drüben wohl noch
die Lichter an."
Als wieder eine Stunde vergangen war, zeigte sich der Kleine zum dritten
Mal. "Die drüben sind schon mitten im Feiern, kommst jetzt mit mir?"
Da nickte der Bauer trübsinnig; Busemann kletterte blitzschnell auf
den Stuhl und zog ihm seine gestrickte Mütze über den Kopf.
Was glaubt ihr? Im Augenblick, wo der Mützenrand die Brauen berührte,
saß der Alte, hui, durch Wand und Tür hindurch, bei den Tieren
im Stall. Die Ohren sausten ein wenig, sonst war nicht viel besonderes
dabei.
Am Weihnachtsabend war Vater Krohn nie lange im Stall gewesen, er sah
jetzt ein dass man zu allen Lebzeiten noch dazulernen muss. Wie gemütlich
hatte dieser Busemann es sich doch eingerichtet! Nahe der Laterne die
über den Kuhköpfen hinflimmerte und noch die Pferde beschien,
hatte er ein Laken über eine alte Haferkiste gehängt. Fein und
wunderlich war das Muster, es musste jemand an die hundert Jahre daran
gewebt haben. Und eine Milchkruke stand darauf, zwei Messer und zwei Teller.
Krohn rieb sich die Augen, das hatte er nicht für möglich gehalten!
War aber noch längst nicht genug! Busemann kroch wie durch ein Mauseloch
fort und kehrte nach einer Weile mit einer brutzelnden Pfanne Bratkartoffeln
wieder. Und als der Duft davon durch den Stall zog, ruschelte der Igel
aus dem Stroh, wünschte fröhliches Fest und hielt den Hut hin,
um sich etwas Abendessen zu leihen. Und die Ringelnatter, die bei den
Kühen wohnt, so lange man denken kann, nahte mit einem Kragen von
kleinen Glocken um den Hals und mit einem Krüglein für die Weihnachtsmilch.
Als die beiden aber den Altenteilsbauern sahen, vergaßen sie warum
sie gekommen waren. Der Igel machte einen höflichen Kratzfuß,
holte eine Pfeife aus der Tasche und fragte, ob einer der Herren eins
mit ihm rauche. Und die Schlange hob und drehte sich. Wäre der alte
Krohn nicht so taub gewesen, hätter er sicher gemerkt, dass die kleinen
Glocken in ihrer Halskette wie ein Weihnachtslied klangen.
Dann , als sie schon zusammenrücken wollten, schlug es draußen
vom Kirchturm Mitternacht. Mit dem zwölften Schlag klirrte und polterte
es, allen Tieren fielen die Ketten ab. Ja, mehr noch, sie begannen sich
wie die Menschen über allerhand Dinge zu unterhalten. Von Koben und
Raufen kamen sie, stellten sich, so gut es ging, zum Tisch und erkundigten
sich nach des lieben Gastes Gesundheit. Die Stute sagte ihm sogar ein
altes Hausmittel gegen Gicht, und jeder fügte einen Wunsch für
Weihnachten hinzu. Aber die Tiere waren auch höflich, keines von
ihnen fragte, warum der greise Bauer das Fest gerade hier im Stall feierte.
So wurde es wirklich eine schöne, gemütliche Stunde; der Igel
legte etwas Tabak auf das Tischtuch, er hatte genug für jedermann,
und der heisere Wachhund, der drüben bei den Menschen weggejagt war
und humpelnd zum Tor hereinkam, wusste eine ellenlange traurige Liebesgeschichte,
der alle kopfschüttelnd zuhörten. Sogar die fünf großen
Balken über dem Stall fanden in dieser Stunde die Sprache und redeten
ernst und weise von der Zeit, wo Bauer Krohn jung gewesen war. Sie kannten
jede Kuh beim Namen, die er einst gehabt hatte.
Sonderbar, sann der Alte, da muss man von seinen Kindern vergessen werden,
um zu erfahren , wer alles an einen denkt.
Ob er sich nicht auch eine Pfeife anstecken wolle, fragte der Igel wieder
und reichte den Tabaksbeutel herauf. Gewiss sagte Krohn, er hätte
wohl Lust darauf.
Während er sich noch verwunderte, wo er eigentlich hauste und wie
alles möglich war, begann eine sanfte Musik vom Stallende. Die Leute
standen auf und riefen, der Ommegang, das ist der feierliche Umzug, aus
dem Garten sei da. Dann traten auch schon mit Lichtern durch ein Tor sieben
Unterirdische ein, hinter ihnen das Brunnenfräulein, danach drei
dicke Apfelknechte und neun Hollerfrauen. Die Weibsen hatten Schnee an
den Füssen, schüttelten sich, tanzten doch gleich wieder und
trieben mit den Tieren ihren Schabernack. Der arme Hund wurde umgeworfen,
weil er zu sauertöpfisch dreinschaute, und Busemann klopften sie
auf die dürren Schenkel und wünschten ihm auf seine alten Tage,
dass er noch etwas wüchse.
Wirklich kam der halbe Garten mit Singen und Klingen und Tanzen bei den
kleinen im Stall zu Besuch. Immer mehr Leute fanden sich ein; die Kühe
warfen die Köpfe, als könnte ihre Art Reigen lernen, und auch
die Schweine grunzten und standen auf den Hinterbeinen.
Dann, auf einmal, geriet alles ins Laufen, hin und her, husch, husch,
husch und auf und davon. Die Lichter und winzigen Laternen waren wie fortgeblasen,
nur die Brunnendirn, die im Ommegang die größte gewesen war,
hatte Mühe durchs Tor hinauszufahren. Sogar die Tiere trappelten
und trabten wieder an ihre Plätze, steckten die Köpfe ins Geschirr
und taten, als wenn sie von nichts wüssten.
Die Tür ging auf, der junge Bauer leuchtete in den Stall.
"Mein Gott, wie bist du hier her gekommen, Vater?" fragte er , "wir suchen
dich überall!"
Der Altenteiler wollte erst böse antworten, dann blickte er traurig
in die Ecke, wo der bunte Ommegang verschwunden war. "Lass mich heute
abend hier."
"Willst du nicht zu uns kommen ,Vater?" bat der Junge. Er sah ein feines
Tischtuch über die Krippe gedeckt, wunderte sich und hatte ein schlechtes
Gewissen.
Der andere winkte ihm. "Geh nur, ich habe noch was zu bereden. Da ist
ein alter Freund zu Besuch", sagte er, "der wird gleich wieder da sein!"
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