Der Weihnachtsstern
von Marie Hamsun (1881 -1969)
"Ottar ist so dumm", sagten die andern Schulkinder. In jeder
Schule muß es natürlich einen Dümmsten geben - hier war
es Ottar. Er war ziemlich neu, ein kleiner Kerl aus der Stadt, den die
Mutter in dieser vortrefflichen Gegend bei ebenso vortrefflichen Leuten
untergebracht hatte, als sie krank wurde. Sie mußte in ein Krankenhaus
und konnte sich deshalb nicht um ihn kümmern. Er hatte keinen Vater
- das war durchgesickert.
Die Lehrerin hörte eines Tages in der Schule die Äußerung,
daß Ottar so dumm sei.
Einige Schüler der dritten Klasse standen in der Pause beisammen
und waren viel, viel klüger; fanden sie wenigstens.
Da bekam die Lehrerin plötzlich die tiefe Furche zwischen den Augenbrauen,
und hinter dem Kneifer blitzte es scharf. "Still, Kinder!" sagte
sie. "Ich bin nicht sicher, ob nicht Ottar einer der Klügsten
von euch allen ist. Er ist nur anders. Marsch, weiter! Nicht herumstehen
und den neuen Kameraden verleumden!"
Es war kurz vor dem Fest. Überall in den Häusern begann es nach
Weihnachten zu riechen und zu schmecken, in allen Ecken wurde geflüstert,
Koffer und Schränke wurden abgeschlossen. Und alle Kinder waren ganz,
ganz brav. Der Weihnachtsbaum war aus dem Wald geholt worden und stand
duftend da, bis er zum strahlenden Mittelpunkt geschmückt werden
sollte.
In der Schule erzählte die Lehrerin am letzten Tag vor den Weihnachtsferien
von dem Kindlein, das in einem Stall geboren und in eine Krippe gelegt
wurde, von den Hirten, die ihre Schafe hüteten und sahen, wie sich
der sternübersäte Himmel öffnete. Engel erschienen und
sangen. Sie erzählte auch von den drei weisen Männern aus dem
Osten, die einen großen, glänzenden Stern erblickt hatten und
ihm auf seiner Wanderung gefolgt waren, bis er über dem niedrigen
kleinen Stall in einem fremden Land stehengeblieben.
Ottar vergaß ganz und gar, wo er war, denn als die Lehrerin die
Erzählung beendet hatte, stand er auf und ging zu ihr hin, obwohl
es mitten in der Unterrichtsstunde war. Sie trug an einer goldenen Kette
um den Hals ein kleines Goldkreuz, an dem er zu fingern begann und fragte:
"Bist du sicher, daß das alles wahr ist?" - "Ja,
natürlich."
"Das mit dem Stern auch? Da haben sie wohl in der Nacht wandern und
am Tage schlafen müssen?"
"Ja, wahrscheinlich."
Die andern fingen zu kichern an, denn es war nicht gebräuchlich,
sich in dieser Gegend so zu benehmen. Sie pflegten in der Schule stillzusitzen
und keine unnötigen Fragen zu stellen oder gar am Goldkreuz der Lehrerin
zu fingern. Sie fand aber, daß er es tun konnte, denn sie untersagte
das Kichern, während Ottar auf seinen Platz zurückging - verlegen
und errötend.
In Langset schmückte der Vater selbst den Christbaum, er war schon
eine endlose Zeit allein im Zimmer drinnen, während die Mutter sich
mit dem Weihnachtsmahl beschäftigte und alle Kinder die Ohren spitzten
und warteten.
"Du kriegst auch etwas", sagten sie zu Ottar. "Hab nur
keine Angst." Ottar lächelte; sie waren heute so lieb - er aber
wartete auf etwas ganz Bestimmtes. Er wartete auf einen Brief von seiner
Mutter, denn seit dem letzten war es schon lange her. Und in dem Brief
würde sicher stehen, daß sie viel wohler war und bald nach
Hause kommen durfte. Sie mußte ihm doch zu Weihnachten schreiben,
dessen war er ganz sicher. Der Brief würde bald kommen. Er hatte
gar nichts dagegen, nach einem oder ein paar Armvoll Holz hinausgeschickt
zu werden, denn dabei konnte er nach dem Postboten Ausschau halten.
Der Brief war aber schon gestern gekommen; Ottar wußte es nur nicht.
Er kam nicht von der Mutter selbst, nein. Und nun hatten sich Leute in
Langset dahin geeinigt, daß es Zeit genug sei, wenn der Junge nach
dem Fest von dem Brief erführe. Dann allerdings müßte
es anders werden, denn Ottars Mutter hatte für den Jungen nur bis
Weihnachten bezahlt. Und es war wohl kaum anzunehmen, daß sie etwas
hinterließ, womit die weitere Bezahlung erfolgen konnte. Jetzt sollte
er aber die Weihnachtstage bei ihnen feiern - sie waren ja keine Unmenschen.
So allein er auch da draußen mit seinem Holz in der Dämmerung
über den Hof ging - in
Wirklichkeit war er noch viel einsamer, als er wußte. Denn im Krankenhaus
war seine Mutter kurz vor Weihnachten gestorben.
Viel Holz trug er nicht auf einmal herein, aber die Arme waren vollbeladen,
und der Schnee biß in die blaugefrorenen Finger, die das Holz umklammerten.
Er mußte bestimmt die Handschuhe
anziehen. Als er am Fenster vorbeiging, sah er den Weihnachtsbaum, um
den der Vater
beschäftigt war; er hielt feine Glaskugeln und gute Kuchenmänner
in den Händen - es war bestimmt unerlaubt, ihm zuzusehen, weshalb
Ottar gewissenhaft den Blick abwandte.
Da - plötzlich sah er den Stern. Droben zwischen den Wolken kam ein
großer goldener Stern am blaßblauen Himmel dahergesegelt.
Ottar ging es wie ein Stoß durch den ganzen Körper. Er blieb
still stehen und umklammerte die Holzscheite; das Herz klopfte, daß
es ihm beinahe die Kehle zuschnürte. Konnte es wirklich wahr sein,
konnte das...? Jetzt war er hinter den Wolken verschwunden, aber im nächsten
Augenblick war er wie durch einen Schleier wieder sichtbar; langsam glitt
er dort oben seine Banh entlang. Das konnte nichts anderes sein als der
Weihnachtsstern! Der Stern der Weisen, der damals im Osten entzündet
worden war und über das Himmelszelt wanderte. Da war er wieder"
Denn die gewöhnlichen Sterne standen doch still.
Außer wenn manchmal einer als Sternschnuppe herunterfiel.
Als Ottar sich darüber klar war, daß es der Stern der Weisen
sein mußte, den er sah, wurde er so aufgeregt, daß er das
Holz einfach fallen ließ, durch die Hoftür hinauslief und die
Richtung einschlug, die der Stern wies.
Er versuchte, den Kopf so weit wie möglich in den Nacken zu legen
und den Stern nicht aus den Augen zu lassen, während er lief. Er
stolperte aber über die hohe Schneekante des Weges, fiel hin und
stand wieder auf. Er mußte sich damit begnügen, nur dann und
wann hinaufzuschauen. Zwischen den Höfen lagen große Abstände,
und der Weg lag wie ausgestorben da. Auf jedem Hof war es still, denn
hinter den Fensterscheiben hatte man die Lichter der Weihnacht bereits
angezündet. Drinnen waren alle zum Fest versammelt, alle, die zusammengehörten,
Vater, Mutter und die Kinder. Sie hielten einander an den Händen
und sangen und taten alles, um an diesem Abend recht lieb zueinander zu
sein. Nur Ottar stapfte in der Dämmerung auf dem Weg dahin. Er dachte
aber gar nicht daran, daß er zu bedauern war, auch daran nicht,
daß man ihn in
Langset vielleicht suchte, daß es immer dunkler wurde und daß
er für einen weiten Marsch nicht angezogen war. Sogar der Brief,
auf den er gewartet hatte, war jetzt aus seinen Gedanken verschwunden.
Ihn erfüllte bis aufs äußerste ein großes, unbekanntes
Glücksgefühl: Der Stern der Weisen war noch einmal entzündet
worden - für ihn! Wo wollte er mit ihm hin? Führte er ihn zur
Mutter oder vielleicht wieder zu einem Stall mit einem Kind in der Krippe
- was wußte er? Klopfenden Herzens eilte er dem Wunder entgegen.
Ottar war ziemlich weit gelaufen, als er warm und atemlos wurde und immer
langsamer vorankam. Er war in eine unbekannte Gegend gekommen, ja in ein
anderes Land. Es wurde jetzt kalt, merkte er, denn er begann zu frieren,
und seine Zähne klapperten; hungrig war er auch, fühlte er plötzlich.
Der Stern aber wanderte dort oben ruhig von Süden nach Norden, er
sah ihn manchmal.
Aber nie wollte er sich senken oder über einem Haus oder einer Hütte
am Weg stehenbleiben. Ottar steckte die Hände in die Taschen und
ging weiter. Der Wind trieb ihm den Schnee ins Gesicht, so daß er
den Kopf senken mußte. Er hob den Blick nicht mehr so oft zum Stern
empor, aber er wußte, daß er dort oben war.
Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Die Tannen längs des Weges
waren gleichsam in dichteren Reihen aufmarschiert. Er merkte jetzt, daß
er tiefen Wald zu beiden Seiten haben mußte. Wäre der Stern
nicht gewesen, würde er sicher Angst bekommen haben. Er hob den Kopf,
um sich seines Begleiters zu vergewissern - da blieb er wie gebannt stehen.
Da war nicht nur ein Stern, sondern ein ganzer Haufen! Droben zwischen
den Wolken zog jetzt eine ganze Schar desselben Weges.
Mit einem Male gingen ihm die Augen auf, und er erkannte den unbarmherzigen
Zusammenhang:
Die Wolken waren gewandert - die Sterne aber standen still. Auch der Weihnachtsstern
stand still, er war nur klarer und größer als die anderen und
zitterte ein wenig, als ob er fröre. Daß er sich so täuschen
konnte! Es war ja jetzt ganz deutlich!
Etwas in ihm zerbrach, die Spannung ließ nach, das Wunder war nur
ein Trug. Brennend heiß um die Ohren, obwohl es ihn gleichzeitig
vor Kälte schüttelte, stand er allein in dem schwarzen Wald.Ottar
ist dumm, Ottar ist dumm! Er ging im Takt mit diesen Worten, während
er den Weg fortsetzte. Umkehren und heimgehen konnte er nicht, denn dann
hätte er erklären müssen, und das konnte er nicht. Und
doch lag Ottar eine halbe Stunde später in einem warmen Bett und
erzählte einem Mann und einer Frau, die bei ihm saßen, wie
alles gekommen war.
Das war so zugegangen: Nils und Oline hatten sich eben an den Weihnachtstisch
gesetzt, als es leise und vorsichtig an der Tür pochte. Es hätte
ein Vogel sein können, der mit seinem Schnabel pickte. Ihr kleiner
Hof lag wohl am Weg - aber wer konnte am Heiligen Abend so spät noch
unterwegs sein? Sie erschraken nicht wenig, als der Kleine hereinkam,
ein erschöpftes Wesen aus der Dunkelheit und Kälte da draußen.
"Verzeiht - ich bin wohl fehlgegangen", stammelte er verwirrt.
Hier war es so schön warm und behaglich, es roch so gut nach Braten,
die zwei am Tisch sahen so gutmütig aus, und in einer Ecke des Zimmers
stand ein kleiner Weihnachtsbaum mit Lichtern. Das konnte wohl nicht stimmen.
Dann zeigte es sich, daß es doch stimmte. Die zwei alten Leute hatten
alles, was zum
Weihnachtsfest gehörte, außer einem kleinen Ottar. Und da stand
er nun bei ihnen im Zimmer, hungrig wie ein Wolf, um mit dem guten Weihnachtsessen
bei ihnen gesättigt zu werden, durchgefroren, um durch die Wärme
bei ihnen aufgetaut zu werden, und gerade so todmüde, daß er
gleich zu Bett gebracht werden mußte. Sie fragten ihn vorsichig
aus, während sie sich um ihn bemühten und ihn allmählich
warm bekamen.
Was er ihnen erzählte, berührte ihre Herzen ganz wunderlich.
Was er nicht erzählte, errieten sie. Ein Kind, das in der Welt so
einsam war, daß es am Weihnachtsabend allein in den Wald ging, war
zu ihnen gekommen.
Am Tag darauf kam ein Bote aus Langset. Der Vater war es selbst. Es war
ein großer Aufstand gewesen, als Ottar verschwunden war und sie
nur die Holzscheite auf dem Hof fanden. Der Weihnachtsabend war auf dem
Hof ganz ins Wasser gefallen, nur des fremden Jungen wegen. Die ganze
Umgebung war aufgeschreckt worden, aber erst heute war man so weit nach
Norden gekommen, bis zu Nils und Oline. Und jetzt sollte der Ausreißer
wieder mit nach Langset - bis auf weiteres wenigstens.
"Nein", sagte Ottar bestimmt. Es entfuhr ihm - bang sah er von
einem zum anderen. Dann verkroch er sich wie eine erschreckte Katze unter
dem Bett.Es gab keine Schläge. Der Vater ging allein nach Hause.
Nils begleitete ihn in den Gang hinaus, und man hörte, daß
sie miteinander etwas besprachen. Es ist schwer zu sagen, wer zufriedener
war, der, der ging, oder die, die zurückblieben."Hierauf müssen
wir uns einen Herzensstärker zu Gemüte führen"; meine
Mutter Oline und holte die Kaffeekanne und einen großen Teller mit
Weihnachtskuchen. Dann setzte sie sich freundlich und behäbig an
den Tisch und goß ein. Vater Nils, lang und knochig, kam herbei
und ließ sich auf der Bank nieder; man merkte, daß er ein
wahrer Freund von Kaffee und Weihnachtskuchen war.
Ottar hatte bereit seinen festen Platz neben ihm. Er hielt ein tüchtiges
Stück Kuchen in der Hand, vergaß aber hineinzubeißen
- sein Blick wurde immer ferner.
"Du mußt essen, mein Junge, damit du groß wirst und deine
Beine bis auf den Boden reichen wie die meinen", sagte Nils.
Da schaute Ottar ihn an, als wäre er plötzlich aus dem Schlummer
geweckt worden. "Ich möchte nur eins wissen."
"Na, was denn?"
"Ob es nicht doch der Weihnachtsstern war!"
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