In allen Nächten fiel der Schnee
von Gunnar Gunnarsson (1889-1975).
Die kleinen Hütten in Grundarkot erzittern unter den
grimmigen Pranken des Sturmes. Wie ein Ungeheuer, das ausgeht, alles Leben
zu vernichten, brüllt er draußen vor den Fenstern seinen wahnwitzigen
Gesang. Die Kinder, der neunjährige Arni und die fünfjährige
Klein Gudny, sind aus ihrem Bett in das der Mutter gekrochen und drücken
sich dicht an sie. Dumpfes Schweigen liegt über der kleinen Stube.
Nur einmal hat Klein Gudny ins Dunkel hineingeflüstert: "Der
liebe Gott ist böse..." Mutter Gudny sagt nur: "Schlaft,
Kinderchen!" Dann ist alles still in der Stube. Es schläft aber
niemand.
Die bitteren Erfahrungen von Jahrhunderten haben es diesen Menschen eingeprägt:
In einer solchen Nacht geschieht etwas. Böse Mächte sind los,
die harten Götter des Landes halten Opferfest.
Selbst Klein Gudny sitzt dies im Blut - erst spät in der Nacht wagt
sie zu fragen: "Mutter, glaubst du, daß Vater noch vor dem
Sturm hereingekommen ist?" Dann bricht sie in Tränen aus."Vater
hat sich bestimmt auch heute abend durchgeschlagen", wagt Arni schließlich
zu prophezeien; aber der Ton seiner Stimme straft die Bestimmtheit seiner
Worte Lügen. Ähnliche Gedanken hatte auch die Mutter. Höskuld
war ein Mann ohne Furcht. Und ein Man ohne Furcht hat zehn Auswege, wo
andere nur einen haben oder - gar keinen. Sie hoffte. Aber sie war auf
alles gefaßt. Vielleicht hatte Höskuld daran gedacht, daß
es nur noch zwölf Tage bis Weihnachten waren.
Es war draußen still geworden. Sonderbar still. Bei der Heftigkeit
des Unwetters schien es fast undenkbar, daß es schon vorüber
sein sollte. Gudny lauscht ... Hören kann sie nichts. Aber es ist,
als spüre sie ein Unwetter in weiter Ferne. Als die Kuh im Stall
unter der Wohnstube sie daran mahnt, daß es Zeit zur Morgenfütterung
ist, daß es also sechs Uhr sein muß, steht Gudny auf und sagt
zu den Kinder: "Kriecht nur dicht aneinander und versucht wieder
einzuschlafen, Kinderchen. Das Wetter ist so still geworden, da können
wir Vater vielleicht schon vor Abend hierhaben."
Gudny zieht sich an wie gewöhlich, ohne Licht zu machen. Sie will
nicht unnütz Licht brennen.
Als sie fertig ist, tastet sie nach der Tranlampe und schleicht sich mit
ihr die Treppe hinunter und durch die Gänge ins Küchenhaus,
wo die Glut der Asche das nie erlöschende schwache Herdfeuer am Leben
erhält. Sie steckt die Lampe an, deckt die Glut wieder zu, füttert
ohne Hast ihre Kuh und die Schafe und denkt dabei an Höskuld.
Vor zehn Jahren haben sie Grundarkot als Ödhof übernommen. Höskuld
und sie - jung verheiratet. Jedes Stück Wand dieser Hütten hat
Höskuld mit eigenen Händen gebaut, dicke warme Wände, zwei,
drei Ellen stark, aus ausgesuchten flachen Steinen und gut durchgetrockneten
Grassoden. Und ebenso hat er jedes Stück Bauholz, unverwüstliches
Treibholz, mit Beil und Säge selber zugerichtet, genagelt und gefungt
- Sparren, Balken, Pfosten, alles aus schwerstem, festem Kernholz. Das
kleinste Stück auf diesem Hof ist Höskulds Werk. Er gehört
hierher, er ist unentbehrlich.
Es schien undenkbar, daß er nie mehr in ihre Hütten zurückkehren
sollte, wo er alles so
wohlbestellt hatte; wo er dafür gesorgt hatte, daß man in geschützten
Gängen sogar die
Heuböden und Schafställe erreichen konnte, wo alles bis ins
einzelne recht bedacht und
ausgeführt war. So zum Beispiel der Bach. Früher war er ein
ganzes Stück vom Hause gewesen; jetzt hatte Höskuld ihm mit
Klugheit und Fleiß ein neues Bett geschaffen, so daß er dicht
an den Hütten vorüberfloß. Und er hatte ein Häuschen
darübergebaut, damit man nicht jedesmal Schnee schaufeln und Eis
aufhacken mußte, wenn man Wasser holen wollte. und selbst dieses
Schöpfhäuschen war durch einen Gang mit dem übrigen Hof
verbunden.
Zwei strahlende Augenpaare begegneten dem Schein der Tranlampe, als die
Mutter später über das Bett hinleuchtete. Und mit äußerst
wacher Stimme fragte Arni: "Warum wird es heute gar nicht hell, Mutter?"
Gudny stutzte. Schon ein paarmal war sie an diesem Morgen aus dieser seltsamen
Stille von einem unheimlichen Gefühl angeweht worden. Mit würgendem
Griff hatte dies Sonderbare ihr den Atem stocken machen wollen. Aber das
währte nur einen Augenblick, sie blieb stehen und lauschte, dann
sagte sie ruhig: "Gleich geh' ich hinaus und versuche, den Schnee
von den Scheiben zu kratzen, Kinderchen!"
Arni war im Nu aus dem Bett: "Das kann ich ja tun, Mutter!"
Er wollte im Laufe des Tages noch mancherlei leisten - Torf holen, der
Kuh und den Schafen Wasser bringen, ausmisten...
Die Mutter wollte doch lieber mitgehen, den Torf zu holen, aber vorläufig
kamen die beiden nicht weiter als bis zur Haustür. Sie ging nach
außen auf, rührte sich jetzt aber nicht. Es mußte sich
eine Schneewehe angehäuft haben. Mutter und Sohn lachten über
ihre vergebliche Mühe.
Denn glücklicherweise gab es noch einen anderen Ausgang - die Tür
zum Schafstall. Und die Tür ging nach innen auf. Als sie sie aber
öffneten, standen sie auch hier vor einer Schneewand. Da lachten
sie noch mehr. Sie waren eingeschneit!
Zunächst nahmen sie einen langen Bergstock. Sie wollten versuchen,
ein Loch in die
Schneewächte vor dem Schafstall zu bohren - um zu messen, wie dick
sie war. Lange bohrten und stachen sie nach allen Richtungen, aber die
Schneewehe schien dicker zu sein, als sie gedacht hatten. Gudny fing allmählich
an, sich ihr Teil zu denken. Arni aber blieb lustig und unbekümmert.
Sie machten sich von neuem an die Haustür, und es gelang ihnen, sie
aus den Angeln zu heben. Aber auch hier war kein Durchkommen durch die
Schneewehe. Gudny nahm eine Schaufel und begann plötzlich zu graben
- hastig, nach außen und oben ... Bald troff ihr der Schweiß
von der Stirn, und ihr Haar hing in Strähnen. Sie warf große
Schaufeln voll Schnee in das kleine Vorhaus und rief mit einem Mal ärgerlich:
"Tritt doch den Schnee fest und schaff Platz!
Greif zu Junge!"
Etwas maulend machte sich Arni daran, den Schnee niederzutreten, und nahm
dabei ab und zu die Tranlampe aus der einen verklammten Hand in die andere.
Die Mutter kümmerte sich nicht um ihn. Sie schaufelte unablässig.
Zugleich arbeiteten ihre Gedanken. Und allmählich wurde sie ruhiger.
Sie hatte mehr als einmal erlebt, daß sich große Schneewächten
vor den Türen und Fenstern eines Hauses aufhäuften. Aber sie
hatte noch niemals so dicke Wächten erlebt, daß sie alles Tageslicht
aussperrten und daß der Schnee von drinnen wie eine flimmernde dunkle
Mauer anzusehen war. Sie warf plötzlich die Schaufel hin und lief
ins Küchenhaus ...
Nein - auch durch das Rauchloch drang kein noch so kleiner Tagesschimmer.
Gudny suchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie ernstlich
eingeschneit waren, daß sich das Schneemeer einfach über ihrem
kleinen Hof geschlossen und ihn ertränkt hatte, daß der Sturm
vielleicht droben über den Dächern weiterraste und so fortrasen
konnte.
Solange das Unwetter dauerte, würde kein Mensch am Hof vorüberkommen,
soviel war sicher.
Und wenn das Wetter sich legte und man entdeckte, daß der Hof auf
dem Grund eines
Scheemeeres lag, das vielleicht das ganze Tal ausfüllte - ob man
dann wohl versuchten würde, sich bis zu ihnen hinunterzugraben? Aber
selbst wenn man es versuchte - würde man den Hof finden? Den ganzen
Winter über konnte da alle Arbeit vergeblich sein, falls sich der
Schnee richtig dick und gleichmäßig über die ganze Talsohle
gelegt hatte. Unter dem Schnee einen Hof zu suchen dünkte sie nicht
anders, als ein gesunkenes Schiff in der unsichtbaren Meerestiefe zu suchen.
Nein, noch schwieriger und hoffnungsloser ... Sie und die Kinder waren
also in einer Lage, wie sie nicht schlimmer sein konnte - einsam auf dem
Grunde dieser dunklen, weißen Tiefe des Todes. Allein und - ohne
Feuerung. Das bißchen Wasser im Bach würde wohl auch versiegen,
das hatte sie in Schneewintern schon früher erlebt. Und wenn es zu
tauen anfing, würde das Wasser von allen Seiten eindringen und die
Räume überschwemmen ... Doch da es ihr und den Kindern so schelcht
ging, mußte Höskuld noch leben! Dessen war sie mit einem Male
gewiß. Denn auch das gehörte zu den Ahnungen und Überlieferungen
der Familie: Niemals waren alle zugleich in Gefahr. Nein, Höskuld
lebte! Gudny nahm Arni die Lampe ab und strich ihm über den Kopf.
"Wir sind wirklich eingeschneit, Arnichen. Und das ist schlimm genug",
sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. "Aber jetzt weiß ich,
daß Vater lebt - hörst du? Mutter weiß es. Und wir beide
werden uns schon hinausgraben - und wenn wir von heute bis Neujahr schaufeln
müssen!"
Ja, es blieb nichts anderes übrig. Aber die Feuerung? Sie konnten
weder Grütze noch Fleisch kochen, überhaupt nichts kochen, mußten
alles kalt essen. Und Brot konnten sie auch nicht backen.
"Vor allen Dingen schaufeln wir uns einen Gang zum Torfstapel!"
beschloß Gudny. Sie nahmen diesen Gang gleich in Angriff. Als sie
aber vier Tage lang gegraben hatten und achtzehn Ellen weit gekommen waren,
mußten sie sich gestehen, daß sie eine falsche Richtung eingeschlagen
hatten. Während der ganzen Zeit gab es nichts anderes zu essen als
saure Blutwurst und das bißchen Milch von der Kuh. Der Mut sank
ihnen.
Die Tranlampe brannte Tag und Nacht. Wenn sie ausginge, wären sie
unrettbar zur Finsternis verdammt. Denn das Herdfeuer war jetzt erloschen.
Bebenden Herzens dämpfte Gudny jeden Abend die kleine Flamme. Sie
wagte kaum zu schlafen, aus Furcht, das Licht könne erlöschen.
Eines Tages bemerkte sie, daß sich die Wohnstubendecke zu senken
begann ... Einen
Augenblick lang saß sie auf der Bettkante, und ihr Herz erstarb.
Sie gab alle Hoffnung auf. Dann aber fiel ihr der Dachboden über
dem Schuppen ein.
Dort gab es Bretter ... Und Gudny riß in fieberhafter Eile diesen
Boden los und spaltete die Bretter, um Versteifungen für die sinkende
Decke daraus zu machen. Sie wagte nicht daran zu denken, wie tief sie
begraben sein müßten, wenn sich die Decke senkte. Ein so starkes
Dach!
Gudny aber ergab sich nicht. Höskuld lebte! Und ihre Kinder sollten
auch leben. Ihre vom Tode bedrohte Lage weckte eine Findigkeit in ihr,
die bisher niemand vermutet hatte.Der Weihnachtsabend kam. Gudny und die
Kinder setzten sich zur Kuh, um nicht allein zu sein. Sie krochen in ihrem
Stand eng zusammen. Und dort saßen sie und sangen Weihnachtslieder
und Choräle - alle, die sie konnten, zuletzt Volkslieder und Kinderverse,
und schufen ihren Herzen Ruhe in Betrübnis und stärkendem Ausharren.
Die Kuh lag still und zufrieden wiederkäuend da, legte ihr Maul in
Gudnys Schoß und ließ sich kraulen. Als sie abends die Schafe
fütterten, mußten sie vergessen haben, die Tür zu schließen;
denn plötzlich füllte sich der kleine Stall mit blökenden
Lämmern, die sich scheu zusammendrängten und in den Ecken durcheinanderstolperten,
dann aber so zutraulich wurden, daß sie die Krippe der Kuh untersuchten
und Gudny und den Kindern die Hände beschnupperten, ob sie nicht
nach Brot oder anderen Leckerbissen röchen.
Jeden freien Augenblick schaufelten Gudny und Arni an dem Tunnel ins Freie,
an der Treppe zum Leben. Jeweils in Kniehöhe traten sie eine Stufe
fest und hart. Dann bohrten sie weiter aufwärts. Sie waren zehn Stufen
hoch und schon ein gutes Stück über den Dächern der Hütten,
doch immer noch war kein Lichtschimmer zu erspähen. Keine Botschaft
eines Tages. Es überfiel Gudny der Gedanke, die Welt möchte
untergegangen sein - alle Siedlungen, alles Land von berghohem Schnee
überlagert. Sie konnten schaufeln und schaufeln, solange sie noch
etwas zu essen hatten; wenn sie aber eines Tages durch die Schneeschicht
brächen, dann vielleicht nur, um über eine öde, ausgestorbene
Erde hinzuschauen, auf der kein Leben mehr gedieh.
Das Wasser im Bach begann langsam zu versiegen. Bald sickerte da nur noch
ein so kärgliches Naß, daß sie den ganzen Zustrom leicht
auffangen konnten. Immer hatten sie einen Eimer oder eine Bütte unter
dem spärlichen Rinnsal stehen, das nur nocht tropfte. Nichts durfte
verlorengehen.
Die Schafe bekamen längst kein Wasser mehr, sie mußten sich
damit begnügen, Schnee zu fressen. Gudny versuchte auch die Kuh daran
zu gewöhnen. Aber das machte sich bei der Milch bemerkbar - auch
sie floß nicht mehr so reichlich wie vorher. Alle Quellen waren
nahe am Versiegen - auch die Quellen des Mutes.
Arni schlug eines Tages vor, sie sollten noch einmal versuchen, den Torfstapel
zu finden. War er aber rechts oder links von dem Gang zu suchen, den sie
vergebens gegraben hatten? Das wußten sie nicht.
Am Neujahrstag brachen sie durch. Neujahrstag! Sie meinten, bisher nie
gewußt zu haben, was Neujahr war. Nun wußten sie es: Neujahr
war frische Luft in den Lungen, Sonne und hartblauer Himmel.
Als sie dreizehn Stufen hoch waren, hatte der Schnee begonnen, Licht durchzulassen.
Als das Gudny klar wurde, brach sie zusammen - sie mußte sich setzen
und sich ans Herz greifen. Es drohte ihr die Brust zu sprengen.
Als dieser Schwächeanfall überwunden war, griff sie wieder zu
und arbeitete wie eine Rasende. Und plötzlich standen sie in einer
Flut von Licht, die aus einem blauen, klaren Himmel niederströmte
- fünfzehn hohe Stufen führten zu einer Schneefläche hinauf,
die sich unter dem perlenden Himmelsblau in fein gerippte Wellen weithin
dehnte, bis zu der schneeblauen Hochheide auf der einen, zu dem tagblauen
Fjord auf der anderen Seite, und unmerklich verschwimmend in glatte Berghänge
überging.
Die Mutter stürzte hinunter und holte Klein Gudny, wickelte sie in
einen Wollschal, preßte sie an sich und sprang mit ihr die steilen,
glatten Stufen hinauf - Arni stand schon oben, von Licht umflutet, und
starrte, die halbblinden Augen mit der Hand überschattend, nach einem
sich in die Landschft zeichnenden dunklen Strich hinüber, hinter
dem viele Menschen zum Vorschein kamen. Eine ganze Schar!
Einer dieser Männer begann plötzlich zu rennen, löste sich
von den anderen und kam in
schwerem Trab über die verharschte Schneefläche heran. Schon
bevor sie ihn erkannte, wußte Gudny, daß es Höskuld sein
mußte - Höskuld! Da quoll es in ihr auf, sie preßte Klein
Gudny fest an sich - ein kurzes, schluchzendes Weinen.
Dann war Höskuld da und starrte in den Schneeschacht hinunter. Lange
stand er abgewendet, mit feucht schimmernden Augen.
Als Arni fand, das Schweigen habe nun lange genug gedauert, sagte er,
und seine Stimme schwankte wie ein Vorgel vor einem Sturmstoß -:
"Wir haben uns mächtig plagen müssen, Vater!"
Höskuld legte ihm die Hand auf den Kopf. Dann wendete er sich mit
niedergeschlagenen Augen zu seiner Frau: "Wir hätten euch niemals
gefunden, fürchte ich." Er räusperte sich: "Wann seid
ihr ganz eingeschneit?"
"In der Nacht, nachdem du fort bist."
Höskuld streicht sich über die Stirn und sagt mit weltfernem
Blick: "Achtzehn Tage..."
Jetzt aber kommen die Männer heran, die Höskuld aus der Gegend
zur Hilfe geholt hat. Damit kommt Unruhe in die kleine Gruppe. Und mitten
in diese Unruhe hinein fragt plötzlich Klein Gudny mit ihrer hellen,
unschuldigen Kinderstimme: "Ist der liebe Gott jetzt nicht mehr böse,
Mutter?"
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