Katie und das Geheimniss
von Brigitte Aubrey
"Kannst Du sie sehen?" fragt Katie. "Ja,--pssst, sei leise!,"
fluesterte ihre Kusine Lonie. Die zwei Maedchen waren in dem versteckten
, niedrigem Durchgang in Oma's Haus unter dem Dach. Er fuehrte von ihrem
Zimmer zu dem heimlichen Zimmer, in dem die drei Menschen noch friedlich
schliefen.
Sie ahnten nicht, dass die zwei Maedchen durch das kleine Tuerchen, das
ganz versteckt war, piekten.
Katie und Lonie wuerden niemandem erzaehlen, dass hier ein junges Paar
mit ihren Kind lebten. Oma hatte ihnen erklaert, dass boese Maenner die
nette Familie holen wuerden, und das kleine Maedchen , noch keine zwei
Jahre alt, war doch soo suess! Katie und Lonie hatten sie lieb.
Die Kinder waren zu jung, um den Konflikt zwischen den Deutschen und den
Juden zu verstehen. Oma konnte es ihnen auch nicht gut erklaeren, wiel
sie es selbst nicht verstehen konnte. Sie hatte vor kurzem ihre beste
Freundin mit ihrem Mann verloren, und wollte nun dessen Sohn helfen. Er
war hier versteckt biss sich die Moeglichkeit zeigte, wo er das Land verlassen
koennte.
Oma wusste, dass ihre Freundin dasselbe fuer sie getan haette...
Lonie und Katie krochen aus dem engen Gang wieder heraus; vorsichtig,
damit sie keine Geraeusche machten. Schnell krochen sie in ihr Bett, dass
sie teilten. Sie zogen das grosse Federbett ganz hoch an die Nase,denn
das Zimmer war kalt. An der Fensterscheibe hatte Eis schoene Bilder gemalt.
Vor einer Weile hatten sie ein rundes Loch ins Eis gekratzt und hatten
den Schnee beobachtet, der leise zum Boden flatterte. Die Welt sah verzaubert
aus; ganz in glitzerndem Weiss, und alles war so friedlich still.
Es war fast Weihnachten!
Katie liebte Weihnachten sehr. Der Opa hat gesagt, sie wuerden recht bald
einen Baum holen vom Wald , der ganz in der Naehe war.
" Na kommt schon, Kinder, wollt ihr heute nicht aufstehen?"
Es war Oma. " Ja, Oma, wir kommen gleich!"antwortete Lonie.
Sie eilten in die warme Kueche. Fruehstueck bestand aus heisser Milch
und Marmeladenbrot. "Macht schnell, Kinder, ich habe gehoert, dass
der
Konsum heute richtige Butter bekommt! Ihr muesst Euch anstellen, und ich
komme dann bald und loese Euch ab."Der Konsum war das Lebensmittelgeschäft
in ihrer kleinen Siedlung. Immer, wenn es was Gutes gab, so wie Zucker,
Butter und so, da musste man sich anstellen, damit man seinen Teil bekam.
Heute machte es den Maedchen nichts aus, hier zu stehen. Sie konnten sich
ja unterhalten. " Ich vermisse meine Mutti," sagte Lonie. Katie
war traurig fuer ihre Kusine. Ihr Onkel Heinz, Lonie's Vati, war vermisst.Katie
konnte das aber nicht verstehen. Warum war er vermisst, und warum ging
niemand ihn zu suchen?
Oma konnte es auch nicht gut erklaeren weil sie zu weinen anfing, sobald
die Maedchen fragten. Katie war froh, dass sie wusste, wo ihr Vati war!
Er war in Gefangenschaft, und Oma sagte, er koennte jederzeit heimkommen.
Sie wussten bloss noch nicht, wann das war. Katie guckte sich Fremde immer
ganz genau an, wenn sie auf ihrer Strasse gelaufen kamen.
Es koennte ja ihr Vati sein!
Endlich kam die Oma und loeste sie vom Stehen ab.Sie waren froh, denn
ihre Fuesse wurden schon ganz kalt. Auf dem Rueckweg hoch zum Haus hatten
die Maedchen eine Schneeballschlacht. Sie lachten, rannten und hatten
Spass. Der Schnee kamm immer noch leise vom Himmel und deckte alles zu
auf der Erde. Es sah so sauber und verzaubert aus, dass Katie es nicht
verstehen konnte, dass der Opa sich immer Sorgen machte. Sie war fuenf
Jahre alt und musste sich keine Sorgen machen, wo das naechste Mahl her
kommen wird, so wie Opa und viel andere es schon jahrelang tun mussten.
Der zweite Weltkrieg war fast vorbei. Katie, die waehrend einem Bombenanfall
im Keller geboren war, kannte keine richtigen friedlichen Zeiten.
Opa erzaehlte gerne und erwaehnte immer alle moeglichen Koestlichkeiten,
die die Kinder noch nie gesehen hatten. Er sagt, frueher gab es das alles
in den Geschaeften, und man musste noch nicht mal Schlange stehen im Konsum!
Er sagte, er wuerde ihnen gern solche komisch klingengen Sachen wie Cola,
Schokolade, Bubble Gum und heissen Kakao geben.
Es hoerte sich ganz gut an und Katie hoffte, das der Weihnachtsmann ihnen
sowas bringen koennte. Der muesste das doch koennen, er hat doch mehr
zu
sagen als Opa!
" Kommt, Kinder, wir holen unseren Weihnachtsbaum! " rief der
Opa . "Oh, ja-- lass uns bloss schnell unser Stiefel anziehen,"
antworteten die Maedchen. Sie gingen in den Wald, der wie ein Maerchenwald
aussah mit all dem Schnee. Opa zog sie auf dem alten Schlitten. Das war
Spass!
Opa sagte, es waeren Heinzelmaennchen hier. Besonders zur Weihnachtszeit.
Also schauten sie sich beide um..."Da, da ,schnell, guckt mal!"
Katie und Lonie drehten sich schnell rum und schauten. "Ach, zu spaet,
er rannte hinter den grossen
Busch dort!" sagte Opa. Schade, Katie vermisste das doch immer! Manchmal
sah
sie was, was sehr schnell verschwand, aber sie war sich nie sicher.
Bald fanden sie den perfekten Baum, und Opa saegte ihn ab . Sie legten
den Baum auf den Schlitten und banden ihn fest.
Katie liebte den Geruch! Tannenbaeume waren ihre liebsten Baeume.
Zuhause stellten sie den Baum in den Hinterhof.
Morgen war Heilig Abend, und dann werden sie den Baum schmuecken.
Ein grosses Paket war angekommen von Katie's Mutti! Sie war weit weg und
versorgte ihre kranke Grossmutter dort. "Oh, Oma, lass mich es auspacken!",
bettelte Katie. Aber Oma sagte, sie muessten bis zum naechsten Tag warten...
Am naechsten Morgen wollte sich Katie strecken beim Erwachen, und stiess
Lonie an die Nase. "Au, spinnst Du, hoer auf" schimpfte Lonie.
Sie kitzelte Katie in die Rippen, und die fing an, laut zu lachen.
" Lonie, Katie, ich kann hoeren, dass ihr wach seid. Kommt runter,
wir wollen Plaetzchen backen!" rief die Oma von der Kueche.
Das war Spass! Katie naschte doch zu gerne, und Plaetzchen, besonders
Weihnachtspaletzchen, waren was ganz besonders. Das Haus bekam diesen
guten Duft: " "Plaetzchen sind im Ofen!" Die Hausklingel
laeutete. Ein aelterer Herr
uebergab Oma ein Paket. " Hier ist der Schinken, Frau Berger, wir
holen das
Klavier ab." Hat er gesagt, er holt das Klavier? Katie hoffte sehr,
dass sie
sich nicht verhoert hatte. Tatsaechlich, mit Hilfe von noch zwei juengeren
Maennern und Opa wurde das grosse, schwarze Klavier aus dem Haus getragen.
Oma schaute etwas traurig hinterher, aber dann ging sie in die Kueche
und
oeffnete das Paket. Es war ein grosser, herrlich duftender Schinken! Das
Weihnachtsessen!
Katie fand diesen Tausch ganz Klasse! Keine Uebungen mehr auf den Klavier!
Am Abend gingen sie alle zusammen in den Gottesdienst. Als sie:"Stille
Nacht, Heilige Nacht" sangen, sah Katie Traenen in den Augen ihrer
Kusine.
Langsam reichte sie nach Lonie's Hand, und hielt sie fest. Katie wusste,
das Lonie ihre Mutti auch vermisste. Sie war in einem Krankenhaus, schon
eine ganze Weile. Katie betete ganz fest, damit beide ihre Muttis bald
wieder zu ihnen kommen sollten...
Das Abendessen war spaeter als sonst, und vor lauter Aufregung konnte
Katie kaum essen. Das Baeumchen stand in vollem Prunk im Wohnzimmer.
Sie hatten rote Wachskerzen drangesteckt, mit den Kerzenhaltern, die an
den
Aesten festgeklammert werden. Oben an der Spitze war ein wunderschoener
Engel und laechelte auf sie runter.
" Geht doch mal in dem Keller und holt uns ein paar Aepfel,"
sagte Oma. Was, jetzt, wo sie doch auf den Weihnachtsmann warteten? Was
ist denn los mit der Oma?? Aber die Maedchen nahmen brav den Korb und
gingen in den Keller. Hier waren grosse Behaelter voller Aepfel, Birnen,
Kartoffeln und Karotten, Zwiebeln und Rueben. Katie mochte Birnen und
Aepfel, aber keine Rueben!
"Stellt euch bloss vor, sofort, als ihr weg wart, kam der Weihnachtsmann!
" sagte der Opa , als sie wieder im Wohnzimmer standen. Ja-- da waren
Geschenke unter dem leuchtendem Baum!
Die Maedchen oeffneten voller Freude ihre Gaben.
Sie lachten laut, umarmten sich, sowohl wie Oma und Opa. Sie fanden
Schokolade! Katie's Mutti hatte es alles geschickt von den Bergen, wo
sie bei ihrer Mutter war. Da war auch Bubble Gum , Kakao pulver fuer heissen
Kakao, sogar richtige Kaffeebohnen fuer Oma! Oma fing sofort an zu singen,
und ging in die Kueche, um Kaffee zu kochen. Opa hatte Zigarren erhalten,
und steckte sich gleich eine in den Mund. Er behielt die Zigarre da fuer
den restlichen Abend.
Sie fanden auch ein Puppenhaus, das sehr aehnlich aussah als das Projekt,
and dem der Opa so lange gearbeitet hatte in letzter Zeit. Lonie und Katie
waren begeistert!
Spaeter, als sie beide in ihrem Bett lagen, konnten sie nicht einschlafen.
" Ich moechte mal wissen, ob die"Leute unterm Dach " auch
ein schoenes Fest haben? " wunderte sich Katie. "Wollen wir
mal schauen?""Ok, aber sei bloss vorsichtig!" warnte Lonie.
Katie schnappte ihre wertvolle Schokolade und steckte sie in ihre Tasche,
ehe sie in den Durchgang schlichen. Da war kein Licht zu sehen am Ende
des Tunnels, rund um das kleine Tuerchen. Katie schob leicht an dem Tuerchen,
und es oeffnete sich in das Zimmer. Es war alles still und dunkel hier.
Sie sahen das junge Paar auf der Ausziehcouch liegen und schlafen.
Auf dem Tisch stand ein Teller mit den Plaetzchen, die sie heute gebacken
hatten. War das alles, was sie zu Weihnachten hatten? Katie schaute im
Zimmer herum und sah keinen Baum, bloss einen grossen, schoenen Kerzenhalter
mit Kerzen.
Langsam schlich Katie zum Tisch, waehrend ihr Herz haemmerte. Sie wollte
doch nicht entdeckt werden.! Sie zerbrach ihre Schokolade in drei Teile,
und legte sie auf den Teller mit den Plaetzchen. Mit einem letzten, sehnsuchtsvollem
Blick auf
die Schokolade, machte sie ihren Weg wieder aus dem Raum.
Als die Maedchen wieder in ihrem warmen Bett waren, schliefen sie freidlich
ein.
|