Wie der kleine Weihnachtsengel glücklich wurde
von Fabian Lith
Als der kleine Weihnachtsengel erwachte, befand er sich
in dem festlich geschmückten
Zimmer. Er hing an einem Zweig des Christbaumes ganz in der Nähe
einer dicken roten
Glaskugel, und wenn er in die Höhe schaute, bis zur Spitze des Baumes,
so gewahrte er dort den Weihnachtsstern. Dem kleinen Weihnachtsengel wurde
ganz feierlich zumute. Er erlebte dieses alles ja zum ersten Male in seinem
Leben; denn er war erst gestern gekauft worden.
"He! Wer sind Sie denn?" plärrte da eine Stimme durch den
Raum.
Der Weihnachtsengel erschrak. "Ist jemand da?" fragte er.
"Das will ich meinen", lautete die Antwort. "Schauen Sie
einmal nach unten".
Der kleine Weihnachtsengel folgte dieser Aufforderung und erblickte zu
Füßen des
Christbaumes einen großen, buntgekleideten Herrn mit einem entsetzlich
breiten Mund.
"Ich bin ein Weihnachtsengel", stellte sich der Weihnachtsengel
vor. "Und wer sind Sie?"
Der buntgekleidete Herr war empört über diese Frage. Er vertrat
nämlich die Ansicht, jeder auf der Welt müsse ihn kennen. "Na,
hören Sie mal!" sagte er. "Kennen Sie etwa mich, den Nußknacker,
nicht? Ich bin eine der berühmtesten Persönlichkeiten aller
Zeiten." Und bei diesen Worten klapperte er abscheulich mit seinem
breiten Mund.
"Entschuldigen Sie vielmals", sagte der Weihnachtsengel. "Ich
habe Sie wirklich noch nie in meinem Leben gesehen."
"Ich dachte es mir", erwiderte der Nußknacker. "Sie
sehen auch ziemlich dumm aus, und arm scheinen Sie obendrein zu sein."
Er wandte sich an einen Herrn, der neben ihm stand.
"Was meinen Sie dazu, Herr Räuchermännchen?"
Das Räuchermännchen sah aus wie ein Nachtwächter. Es trug
einen breitkrempigen Hut, einen langen Mantel, ein Nachtwächterhorn,
und es paffte aus einer langen Großvaterpfeife.
"Mich geht das nichts an!" brummelte das Räuchermännchen
und stieß eine dicke
Rauchwolke von sich. "Aber wenn Sie mich fragen, so meine ich, ein
wenig Farbe könnte nicht schaden."
Der Nußknacker lachte laut auf. "Ja, sehen Sie mich an, meine
prächtige Uniform!" rief er. "Ein roter Rock mit goldenen
Tressen, eine blaue Hose und ein herrlich langer Säbel. Auf meiner
Brust erblicken Sie silberne und goldene Orden, und meine Mütze ist
aus edlem Pelzwerk."
Da mußte der kleine Weihnachtsengel dem Nußknacker recht geben.
Er war wirklich ein schmucker Herr, der sich sehen lassen konnte. Der
kleine Weihnachtsengel hingegen trug nur ein schlichtes Hemdkleid, das
ihm bis zu den Füßen reichte. Auf dem Rücken hatte er
zwei Flügel, und das einzig Farbige an ihm waren seine rosa Bäckchen.
Und das war nun wahrhaftig nicht viel.
Der kleine Weihnachtsengel schämte sich, daß er so einfach
gekleidet war, viel einfacher noch als das Räuchermännchen,
das immerhin zum roten Mantel einen grünen Hut trug, das ein goldenes
Horn besaß und eine braune Pfeife zum Räuchern.
"Es ist wirklich traurig, wenn man so aussieht wie Sie", meckerte
der Nußknacker, klapperte mit seinem breiten Mund, wackelte mit
dem Kopf und fragte: "Sind Sie wenigstens zu etwas nütze?"
Der Weihnachtsengel wußte nicht, was das ist, zu etwas nütze
sein. Er mußte es sich von dem Nußknakcer erklären lassen.
Zu etwas nütze sein, so erläuterte ihm der Nußknacker,
das sei, wenn man eine gewichtige Aufgabe zu erfüllen habe, wie er
zum Beispiel. "Ich knacke nämlich Nüsse", sagte der
Nußknacker und plusterte sich dabei gewaltig auf; denn er war der
Meinung, Nüsse knacken sei überhaupt die wichtigste Beschäftigung
der Welt. "Knacken Sie vielleicht auch Nüsse?" fragte er
den Weihnachtsengel.
"Nein", antwortete der Weihnachtsengel leise, "ich knacke
keine Nüsse."
"Das war mir von Anfang an klar!" rief der Nußknacker.
"Sie haben auch einen viel zu kleinen Mund." Er blickte triumphierend
in die Runde, als suche er Beifall für seine Worte. Aber nur das
Räuchermännchen nickte mit dem Kopf und meinte, so einfach sei
es eben nicht, zu etwas nütze zu sein. Und das Räuchermännchen
fragte den Weihnachtsengel, ob er denn vielleicht räuchern und für
einen guten Duft in der Weihnachtsstube sorgen könne.
Der Weihnachtsengel mußte gestehen, daß er auch nicht zu räuchern
verstehe.
"Dann können wir leider nicht mit Ihnen verkehren!" rief
höchnäsig der Nußknacker. "Wir unterhalten uns nur
mit Leuten, die farbenprächtig gekleidet sind, wie es sich gehört,
und die zu etwas nütze sind." Das Räuchermännchen
nickte zu diesen Worten und stieß dicke Rauchwolken aus, während
der Nußknacker mit dem breiten Mund klapperte.
Der Weihnachtsengel aber wurde sehr traurig. Er hatte es nie empfunden,
daß er arm und gar zu schlicht gekleidet sei. Er hatte sich recht
glücklich gefühlt in seinem langen weißen Kleid.
Es war ihm auch nie bewußt geworden, daß man zu etwas nütze
sein müsse. Aber natürlich, der Nußknacker und das Räuchermännchen
hatten recht. Was wollte er, der
Weihnachtsengel, in der Weihnachtsstube? Er war nicht schön, wie
alles ringsum, und da gab es nichts, wo er sich hätte nützlich
machen können.
Eine winzige Träne kullerte dem kleinen Weihnachtsengel über
das Gesicht. Er wandte sich hilfesuchend an den Nußknacker und fragte:
"Was soll ich tun? Was raten Sie mir?"
Der Nußknacker lachte hämisch und sagte: "Ich an Ihrer
Stelle würde rasch zurückkehren in den Pappkarton, der auf dem
Speicher steht."
Ehe aber der kleine Weihnachtsengel diesen bösen Rat befolgen konnte,
öffnete sich die Tür der Weihnachtsstube. Der Vater trat ein,
nahm ein Zündholz und steckte die Kerzen in Brand.
Dann läutete er mit einer kleinen Porzellanglocke, und die Mutter
kam mit den Kindern ins Zimmer. Alle sangen gemeinsam ein Weihnachtslied,
und jedes der Kinder mußte ein Gedicht aufsagen.
Thomas aber, der Jüngste, blieb mitten in seinem Gedicht stecken.
Er hatte den neuen
Weihnachtsengel im Baum entdeckt, und glücklich rief er: "Oh,
Mutti, ist der schön!"
Bums - machte es da. Der Nußknacker war vor Ärger umgefallen,
und das Räuchermännchen verschluckte sich vor Schreck am Rauch
umd mußte husten. Aber niemand kümmerte sich um sie. Alle betrachteten
den kleinen Weihnachtsengel.
Dessen Wangen aber röteten sich vor Freude noch mehr. Er wußte
nun, daß man nicht
unbedingt bunt sein und mit seinem breiten Mund klappern muß. Auch
ein schlichter
Weihnachtsengel ist schön. Thomas hatte es gesagt.
Und nützlich? Na, ist es nichts, wenn einer einen kleinen Buben glücklich
macht?
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