Das Englein Silberstaub
(und der ungewöhnliche Wunschzettel)
Eine Weihnachtsgeschichte von Romanzzo
Fröhlich saß das Englein mit dem wohlklingenden Namen Silberstaub
auf der Treppe vor der großen Himmelswerkstatt und sang ein Weihnachtslied:
"Mor-gen Kin-der wirds was ge-ben, mor-gen wer-den wir uns freun..."
Silberstaub sang immer während seiner Mittagspause. Die anderen Engel
lümmelten auf den sammtweichen Wölkchen herum oder sie verbrachten
ihre Pause mit ausgelassenen Spielen. Silberstaub aber sang am liebsten,
denn er war eigentlich ein sehr fröhlicher Engel. So fröhlich,
daß er alle mit seiner sprichwörtlichen Fröhlichkeit förmlich
ansteckte und spätestens zehn Minuten vor dem Ende der Mittagspause
sang auch der noch so faulste Engel bei Silberstaubs Liedern mit.
Doch schon erklang das Glöckchen und alle wußten, die Pause
war vorrüber. Die Arbeit in der Himmelswerkstatt ging weiter. Alle
machten sich wieder an ihre Aufgaben, auch Silberstaub. Die Engelchen
stellten Weihnachtsgeschenke für die Kinder auf der Erde her. Jeder
einzelne von ihnen hatte seinen eigenen Bereich. Der Mohrenengel zum Beispiel
machte die Schokolade, der Tschu-Tschu-Engel stellte ganze Züge von
Eisenbahnwaggons her. Der Nuss- und Zimt-Engel war für das Plätzchenbacken
zuständig und der Lieder-Engel bastelte Spieluhren, und so weiter...
Überall wurde gehämmert, geleimt, geklopft und gebacken. Und
seit ein paar Jahren gab es sogar eine elektronische Abteilung, in der
Computer, Handys, Spieleconsolen, DVD-Player und all so ein hochtechnisches
Zeug hergestellt wurde. Die Zeit machte also auch vor
der Himmelswerkstatt nicht halt. Silberstaub aber war in der Poststelle
eingesetzt. Das Englein war dafür verantwortlich, daß jeder
Wunschzettel jedes einzelnen Kindes
auch sicher auf dem Schreibtisch des Weihnachtsmannes landen würde.
Aus einem großem Schacht kamen täglich tausende und abertausende
von Wunschzetteln auf Silberstaub zu und er mußte sie alle ordenen,
nach Länder, Städte und Namen der Kinder.
Puh, das war vielleicht eine anstrengende Arbeit. Aber Silberstaub machte
es gerne. War er doch sehr stolz darauf, daß er alleine dafür
verantwortlich war, daß der Weihnachtsmann auch alle Briefe bekam
und daß jedem Kind auf der Welt auch der richtige Wunsch
erfüllt wurde.
Und der Weihnachtsmann bekam alle Briefe. Noch niemals hatte Silberstaub
auch nur einen ausgelassen. Dafür bekam er auch schon mal ein ganz
dickes Lob.
Ab und zu hatte Silberstaub sogar Zeit den einen oder anderen Wunschzettel
zu lesen. Am Anfang war das Englein noch sehr neugierig, was sich die
Kinder denn alles so wünschen würden. Es war ja kein Geheimnis.
Denn Silberstaub half dann kurz vor der Abfahrt des
Weihnachtsmannes auch beim Herrichten der Sachen. Aber irgenwann wurde
es dann auch sehr langweilig für Silberstaub, die Briefe zu lesen.
Denn in jedem Brief stand fast immer dasselbe. Alle Kinder wünschten
sich je nach Alter, automatisch alles, was sie seit September im Fernsehen
in der Werbung gesehen hatten:
Puppen die sprechen, Hündchen die laufen, Autos die sich hundert
mal überschlagen, Roboter die mal ein Raumschiff sind und mal eben
ein Roboter, Handys die Fotos machen, Computer die schreiben wenn man
ihnen über das Mikrophon diktiert, alle 10.000 Artikel die es inzwischen
von Harry Potter gibt und Millionen von Barbies und Fußbällen.
"Barbies und Fußbälle sind wohl das einzige Spielzeug,
das niemals ausstirbt", dachte sich Silberstaub und mußte lächeln.
Aber mit all dem modernen Zeug konnte das Englein rein gar nichts anfangen.
Und so schüttelte Silberstaub, wenn er wieder mal einen Wunschzettel
gelesen hatte, nur seinen Kopf und dachte bei sich, was das noch für
schöne Zeiten waren, als sich die Kinder noch Rauschgoldengel, Teddybären
oder Spieluhren gewünscht hatten.
Und eines Tages, als sich Silberstaub wieder einmal so seine Gedanken
darüber machte, rutsche plötzlich ganz schnell ein Brief aus
dem Schacht und traf das Englein genau auf die Nase. Etwas verärgert
über den frechen Brief, der es in die Nase gepiekst hatte, nahm es
den Brief und öffnete ihn.
"Da bin ich aber mal gespannt, was in dir frechem Brief wohl alles
so gewünscht wird, wahrscheinlich genauso freche Roboter, die anderen
in die Nase pieksen...", beschimpfte Silberstaub, schon wieder sichtlich
fröhlich, diesen Brief.
Doch als Silberstaub den Wunschzettel zu Ende gelesen hatte, kullerten
dicke Tränen über seine Wangen hinab. Als er sich wieder etwas
beruhigt hatte rief er:
"Diesen Brief muß sofort der Weihnachtsmann sehen!"
Ganz aufgeregt bat das Englein einen der anderen Engel ihn doch kurz mal
in der Poststelle zu vertreten. So eilig, als ob der Weihnachtsmann bereits
hätte abreisen wollen, lief Silberstaub zu ihm.
"Na, na, na, was ist denn so eilig, mein Kind?" fragte Santa
mit sanfter Stimme, als Silberstaub mit einem Ruck die Türe zu seinem
Zimmer aufgerissen hatte.
"Bitte lies diesen Brief, diesen Wunschzettel, und bitte.... - schaue
für mich in deinem goldenem Buch nach, wer dieses Kind ist",
bat Silberstaub nervös den Weihnachtsmann.
Santa bat Silberstaub sich gemeinsam mit ihm an den großen runden
Weihnachtstisch zu setzten, auf dem das ganze Jahr über vier Kerzen
brannten. Das war eine große Ehre für Silberstaub, denn nur
sehr wenige der Engel durften dort Platz nehmen, außer am Heiligen
Abend, kurz vor der Abreise des Weihnachtsmannes.
Dann lasen Santa und Silberstaub den ganz besonderen Wunschzettel des
kleinen Mädchens:
"Lieber Weihnachtsmann!!
Ich wünsche mir, daß ich nächstes Jahr an Allerheiligen
das Grab von meinem Opa besuchen darf, daß ich jeden Tag 15 Minuten
länger wachbleiben darf, wenn ich nächsten Tag zur Schule muß,
daß ich nicht jeden Tag eine Vitamintablette nehmen muß (die
schmeckt so furchtbar) ... ja vielleicht noch ein paar Süßigkeiten
und ... ein Bussi ... und, daß es allen Menschen gut geht ... und
daß sie froh und glücklich sind auf der ganzen Welt!
Danke lieber Weihnachtsmann!"
Erwartungsvoll sah Silberstaub den Weihnachtsmann an. Beiden standen Tränen
in den Augen.
Solche Briefe bekamen sie wirklich nicht jeden Tag. Und dieser Brief war
tatsächlich etwas ganz besonders. Dann schlug der Weihnachtsmann
sein goldenes Buch auf, in das jedes
Kind dieser Erde eingetragen ist. Er blätterte ziemlich lange, doch
dann hatte er das Kind gefunden.
Es war ein kleines, achtjähriges Mädchen. Es war gesund, lieb
und fleissig. Es lebte bei seiner Mutter und durfte alle zwei Wochen seinen
Vater, der von der Mutter geschieden war, übers Wochenende besuchen.
Zwar war ihr Großvater, den sie sehr mochte, dieses Jahr gestorben
worüber sie sehr traurig war, aber sonst war es ein fröhliches,
gescheites Mädchen. "Ja, hat sie denn sonst keinen besonderen
Wunsch?", fragte Silberstaub
den Weihnachtsmann.
"Doch", antwortete er, "aber der ist sehr geheim, aber
dir kann ich ihn ja sagen!"
Dann flüsterte der Weihnachtsmann den besonderen Wunsch des kleinen
Mädchens in Silberstaubs Ohr. "Aber sie würde ihn niemals
in den Wunschzettel schreiben, weil es ein
Wunsch ist, den niemand erfüllen kann, nicht einmal ich", fügte
der Weihnachtsmann hinzu.
Silberstaub verstand es und sah es auch ein. Doch ab sofort wußte
das Englein, was zu tun ist. Silberstaub war sich seiner Sache ganz sicher.
Fortan würde sich sein Leben gänzlich verändern. Es war
zwar ein entscheidender Schritt, den er vorhatte, "Aber ein so bescheidenes
Mädchen war es schließlich wert", dachte Silberstaub bei
sich.
Der Weihnachstmann wartete mit traurigem und gleichzeitig glücklichem
Gesicht auf das, was ihn Silberstaub gleich fragen würde, denn er
wußte ganz genau was das Englein jetzt vor hatte.
"Lieber Weihnachtsmann...", begann Silberstaub.
Doch der Weihnachtsmann ließ das Englein gar nicht erst aureden.
Es war zwar sonst nicht seine Art, aber er wollte Silberstaub all den
Abschiedsschmerz ersparen, den er selbst bereits empfand. Santa wußte
genau, das Englein wollte die Himmelswerkstatt verlassen. Viele Jahre
waren sie treue Freunde gewesen.
"Silberstaub", begann er zu sprechen, "mein liebes Englein,
ich weiß genau, wo deine neue Berufung liegt. Geh nur, das Mädchen
braucht dich. Wir werden immer Freunde bleiben. Das Englein Rauschgold,
dein bester Freund, wird deinen Platz in Ehren vertreten."
Plötzlich waren beide gar nicht mehr so traurig, denn sie wußten,
sie waren sich einer Meinung. Nachdem Silberstaub diesen Wunschzettel
gelesen hatte, wußte er ganz genau, was seine Berufung war. Und
Santa wußte es auch.
Silberstaub mußte einfach Schutzengel werden. Schutzengel bei diesem
Mädchen.
Schutzengel war die höchste Auszeichnung, die je ein Engel von der
Himmelswerkstatt bekommen konnte. Und es war Silberstaub sehr peinlich
von selbst danach zu fragen, ohne auf eine Auszeichnung zu warten. Aber
weil er dieses kleine Mädchen jetzt schon sehr, sehr lieb hatte,
ohne es zu kennen, muße er diesen Schritt einfach gehen.
Der Weihnachtsmann verstand Silberstaub sehr gut und beförderte ihn
deshalb feierlich zum Schutzengel. Freundschaftlich legte er seinen Arm
um die Schuter des Engleins und lobte es mit den Worten:
"Silberstaub, du warst eines der besten und zuverlässigsten
Englein, die je in der Himmelswerkstatt für alle Kinder dieser Welt
da waren, du hat deine Aufgabe stets mit vollster Zufriedenheit erfüllt,
und alle Kinder werden es dir für immer danken, deshalb weiß
ich auch, du wirst deine Aufgabe als Schutzengel wie kein anderer meistern.
Denn,
wenn ein Kind den besten Schutzengel verdient hat, dann ist es dieses
kleine Mädchen!"
Sehr glücklich über diese Worte flog Schutzengel Silberstaub
zur Erde hinab und beschützt fortan bis in alle Ewigkeit dieses kleine
bescheidene Mädchen als ihr ganz besonderer Schutzengel.
Und immer wenn das Mädchen müde wird und Sand in ihre Augen
fällt, kommt dieser nicht vom Sandmännchen, sondern es ist ein
klein bisschen Silberstaub von ihrem Schutzengel.
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