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Weihnachtsmorgen
Es war soweit! Julika streckte ihre dick eingepackten Füße
aus dem Bett und fröstelte! Hui, war das kalt heute! Sie kniete sich
in ihr Bett und blickte verschlafen aus dem Fenster in den noch dunklen
Morgen. Draußen glitzerte der Schnee im Glanz des Vollmonds und
Julikas Herz begann vor Aufregung zu hüpfen. Weiße Weihnacht!
Ihr Atem bildete Eisblumen auf der kalten Scheibe des Fensters und Julika
jauchzte vor Entzücken. Schnell rutschte sie aus dem Bett und zog
ihre zwei dicksten Pullover über ihr Nachtgewand und schlüpfte
in die gefütterte Hose, die Tante Rosi ihr letztes Weihnachten geschenkt
hatte. Leider war sie seitdem ein ganzes Stück gewachsen, so daß
zwischen ih-ren dicken Stiefeln und dem Saum der Hose ein kleines Stückchen
nackte Haut zu sehen war. Doch das kümmerte Julika nicht im geringsten.
Schnell zog sie sich noch den Lamm-fellmantel über, den ihr die Mutter
extra gekauft hatte, kramte die dicken Handschuhe aus den Taschen und
setzte sich im Hinausgehen noch die Wollmütze ihres Bruders auf.
Alles in allem gab sie so eine sehr lustige Gestalt ab, doch ihr war warm
und das war die Hauptsache. Sie rannte hinaus in den Schnee und freute
sich ihres Lebens! Drinnen im Haus konnte sie leise Stimmen hören
und das Rumpeln verkündete ihr, daß nun auch ihre Eltern aufgestanden
waren. Schnell begann sie, den Schnee zu einer großen Kugel zusammenzu-rollen,
und als die erste fertig war, wurde eine zweite und dritte erstellt. Mittlerweile
war das Licht in der Küche angegangen und Julika konnte hören,
wie ihre Mutter das Frühstück vorbereitete. Schnell setzte sie
die Kugeln aufeinander, die größte zu unterst, die kleinste
zu oberst. Jetzt konnte Julika hören, daß auch ihre zwei Brüder,
Jonas und Niklas, wach wur-den. Das hieß beeilen, wollte sie ihr
Werk doch ganz alleine fertig stellen. Sie rannte zurück zum Haus,
zu dem Blumentopf neben dem Küchenfenster. Dort hatte sie alles wichtige
ver-steckt: eine lange Mohrrübe als Nase für den kalten Freund,
zwei Knöpfe für die Augen, fünf kleine Stückchen Kohle,
die dem Vater beim Anzünden des Kamins heruntergefallen waren, sie
sollten des Mund bilden, die Zipfelmütze von Großvater, die
Julika zusammen mit der Pfeife extra dafür von ihm bekommen hatte
und natürlich den Schal und die Kieselsteine, die sie brauchte, um
ihn anzuziehen. Da würden die Eltern aber schauen! So ein toller
Schneemann und Julika hatte ihn ganz allein gemacht!
Drinnen hörte sie, wie die Mutter die Brüder zum Frühstück
rief, und bei dem Gedanken an eine dampfende Tasse heißen Kakaos
wurde Julika bewußt, daß sie schon seit über einer Stunde
im Schnee rumtollte. Ihr Magen knurrte, als sie sich die warmen, weichen,
nach Milch und Honig duftenden Brötchen vorstellte, die ihre Mutter
nur zu besonderen Anlässen buk. Leise öffnete sie die Haustür,
streifte Mantel, Mütze und Stiefel fast gleichzeitig ab und hüpfte
in die Küche.
Oh, war das ein Anblick! Jonas und Niklas saßen im Nachtgewand und
dicken Plüschhausschuhen auf ihren Stühlen, der Vater hatte
seinen Morgenrock übergezogen und guckte noch ganz verschlafen, und
die Mutter stand am Herd und rührte den heißen Kakao. Der Tisch,
nein, die ganze Küche war festlich geschmückt mit Tannenreisig
und Weihnachtssternen und kleinen Putten die selig von imaginären
Wolken lächelten. Die Küche leuchtete im Glanz der Kerzen, die
überall aufgestellt waren. Mutter hatte sogar die silbernen Leuchter
auf den Tisch gestellt! Die gute Tischdecke war aufgelegt, auf dem Tisch
waren zwischen dem Tannenreisig Walnüsse und Haselnüsse und
Mandarinen und bunte Lebkuchen verteilt, und in der schönen Kristallschüssel,
die in der Mitte des Tisches zwischen den silbernen Leuchtern stand, lagen
Pfeffernüsse, Zimtsterne und Hildaplätzchen.
Julika setzte sich auf ihren Platz, mit roter Nase und noch ganz außer
Atem vom Schnee-mannbauen. Gleich nach dem Frühstück würde
sie allen zeigen, was sie so früh schon draußen für alle
gebaut hatte. Doch jetzt wollte sie zuerst einmal das köstliche Frühstück
genießen, das ihre Mutter mit funkelnden Augen servierte: heiße
Schokolade für Julika und die Brüder, duftender Kaffee für
die Mutter und den Vater. Warme, frische Brötchen mit But-ter und
Honig oder der leckeren selbstgemachten Brombeermarmelade. Ein Kanten
von dem guten Schinken, den Vater vom Bauern Johann bekommen hatte, frisches,
dunkles Brot, natürlich die guten Plätzchen und für jeden
ein Ei von der Henne Berta.
Da wurde geschlemmt! Und ganz still war es, weil keiner es wagte, den
Morgen durch Worte zu stören. Doch wie es immer war, fing der kleine
Niklas, der noch nicht begreifen konnte, was für ein besonderer Morgen
es war, zu plappern an und als somit der Bann gebrochen war, fingen alle
an zu erzählen. Vom letzen Jahr und den Jahren davor und wie schön
der Schnee in diesem Jahr war und wer alles geschrieben hatte und daß
es in diesem Jahr im Dorf sogar ein echtes Christkind gegeben hatte, denn
die Frau vom Apotheker Lindberg hatte in der Christnacht ihr Kind bekommen.
Als dann alle vom Erzählen ganz rote Backen hatten und Jonas vor
Spannung kaum noch sitzen konnte, erklärte der Vater das Frühstück
für beendet und stand auf, um ins Wohnzimmer zu gehen, wo der Weihnachtsmann
ganz sicher über Nacht die Geschenke für alle hingelegt hatte.
Julika half der Mutter noch beim Abräumen des Geschirrs und Jonas
löschte die Kerzen. Und dann hörten sie auch schon, wie die
Klingel im Wohnzimmer die Bescherung ankündigte. Die Mutter wischte
sich noch eilig die Hände an der Schürze ab, nahm Niklas auf
den Arm und folgten dem Vater in die Wohnstube. Dieser hatte den Kamin
angezündet und die Kerzen am Baum erhellten warm den Raum. Julika
konnte vor Spannung kaum noch schlucken. Wo war ihr Geschenk? Hatte der
Weihnachtsmann ihren Brief bekommen, in dem sie beschrieb, wie sehr sie
den neuen Schlitten und die neue Hose brauchte? Und war sie auch artig
genug gewesen? In der Schule hatte sie immer gut aufgepaßt und hatte
sogar ein Lob im Schönschreibwettbewerb erhalten. Die Eltern waren
sehr zufrieden gewesen. Julika sah sich um: ihr Vater hielt gerade die
Pfeife hoch, die Jonas ihm geschnitzt hatte, natürlich mit Großvaters
Hilfe, und die Mutter zeigte dem kleinen Niklas seine Holzlokomotive,
die der Vater erst am Abend vorher noch rot angemalt hatte.
Julika ging zum Lehnstuhl, unter dem sie die Kekse und die Milch für
den Weihnachtsmann versteckt hatte und siehe da, der Weihnachtsmann hatte
es gefunden und ihr zum Dank ei-nen Schokoweihnachtsmann hingelegt. Julika
hatte auch die Geschenke für die Eltern dort versteckt: eine Spange,
die das Haar der Mutter zieren sollte und ein Päckchen Tabak für
den Vater. Und für die Brüder hatte sie ein Schnitzmesser, denn
das von Jonas war schon ziemlich alt und zwei Tiere für den Holzzoo
von Niklas. Eine Kuh und ein Schwein. Julika holte die Geschenke, allesamt
sorgfältig in rotes Seidenpapier eingeschlagen, hervor und überreichte
sie an ihre Familie. Das war eine Freude zu sehen, wie sie die Sachen
auspack-ten und dabei "ah" und "oh" riefen! Julika
war so glücklich darüber zu sehen, wie die Ge-schenke den anderen
gefielen, daß sie fast vergaß, selbst nach ihren Geschenken
zu sehen. Niklas hatte ihr ein Bild gemalt, einen Schneemann, Jonas hatte
ihr eine Tüte süßer Lakritze und zwei Lutscher gekauft,
und die Mutter überreichte Julika ein Päckchen mit einer großen
roten Schleife, in dem eine neue gefütterte Hose steckte. Julika
freute sich riesig und den-noch war sie etwas betrübt. Kein Schlitten.
Dabei hatte sie sich doch so sehr einen ge-wünscht. Vielleicht hatte
der Weihnachtsmann ja nicht soviel tragen können oder vielleicht
hatte der Schlitten nicht durch den Kamin gepaßt.
Jetzt wollte sie der Familie aber erst einmal den Schneemann zeigen, der
vor der Tür auf alle wartete, mit Rübennase und Kieselsteinknöpfen
und einer Zipfelmütze auf dem runden, kah-len Kopf. Sie nahm die
Eltern an die Hand und führte sie nach draußen, so wie sie
waren, im Nachtgewand mit Morgenrock. Der Vater lachte vor Freude, als
er den weißen, runden Mann sah, der ihn mit einem Lächeln aus
Kohlestückchen begrüßte. Die Mutter klatschte in die Hände
und beglückwünschte Julika zu so einem Meisterwerk. Und dann
sah Julika etwas wunderschönes: Hinter dem Schneemann, kaum zu sehen,
stand ein niegelnagelneuer Schlitten, mit echten Kufen und einer rot-weißen
Schnur, um ihn die Hügel hinauf zu ziehen. Die Eltern blickten sich
mit einem Lächeln an und der Vater blinzelte der Mutter zu, als Julika
vor Begeisterung jauchzend ihre festen Stiefel und den Mantel überzog
und in den Schnee hinaus zu ihrem neuen Schlitten eilte.
Das war ein Weihnachten! Und während Julika ihren kleinen Bruder
Niklas auf dem Schlitten durch den Hof zog und Jonas eine Schneefrau für
den Schneemann baute, verteilte der Vater das Brot an die Tiere im Wald,
und die Mutter fütterte die Vögel und alles war perfekt und
wunderschön.
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