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Zur Weihnachtszeit im Flüchtlingslager von Sarah Sofia Granborg Es war während des jugoslawischen Bürgerkrieges gewesen. Sanne hatte gerade ihr viertes Kind zur Welt gebracht, als der Arbeitgeber ihres Mannes Konkurs ging und er arbeitslos wurde. In Dänemark kann die Arbeitslosenunterstützung recht klein ausfallen, ja in der Tat so klein, dass einfach nicht genügend Geld da ist, um sowohl ein Dach über dem Kopf zu haben und gleichzeitig noch Essen auf dem Tisch! Da es ihrem Mann so schnell nicht möglich gewesen war, eine genauso gut gelohnte Stellung zu finden, hatte Sanne sich selber aufgemacht, das Haushaltsgeld aufzubessern. Nachdem sie sowohl Zeitungen ausgetragen, Fussböden gebohnert und in der Armee Dienst geleistet hatte, war ihr Arbeit im Flüchtlingslager zugewiesen worden. Zum ersten Male war dies etwas so ganz nach ihrem Geschmack, wo sie fühlte, dass sie hingehörte und sich auch gefördert fühlte. Sie liebte diese Stellung geradezu! Denn hier konnte sie einen Unterschied machen! Zwar wurde sie für die gleiche Anzahl Arbeitsstunden bezahlt, egal, was sie tat, aber drüber hinaus konnte sie so viel von sich selber geben, Menschen in Not mit Liebe und Fürsorge begegnen und auf die abgemagerten und versteinerten Gesichter so manches Lächeln zaubern... Gegen die Abmagerung hatte sie auch sofort die Initiative ergriffen und in Zusammenarbeit mit den anwesenden Ärzten und Krankenschwestern gesunde und äusserst schmackhafte Diäten zusammengestellt, die allen hervorragend mundeten. Und auch der Kontakt zu den Flüchtlingen lief, trotz Sprachbarrieren sehr gut. Ja, man konnte tatsächlich sagen, dass schon viele Freundschaften entstanden waren! Nicht nur zwischen den Flüchtlingen und ihr, nein, Sanne hatte so manchen Streit geschlichtet und vielerorts vermittelt. Alles blühte und gedeihte und viele Änderungen waren eingeleitet worden und an allen Ecken Dinge verbessert. Die Flüchtlinge nahmen zu, waren froher, ja hatten in der Tat begonnen zu lachen! Die Kinder spielten wieder ihre Spiele und die Erwachsenen trauten sich allmählich wieder nach vorn zu schauen und an die Zukunft zu denken. Doch es waren nicht alle, die sich darüber freuten. Sanne hatte mit ihrem Erfolg einigen Leuten ganz schön auf die Zehnen getreten, viel mehr als sie selbst gemerkt hatte! Da waren die beiden Psychiater, die lange, langweilige Vorträge über die Traumatisierung von Folter-Opfern gehalten hatten und mit umständlich ausgedrückten Worten alle gewarnt hatten, dass man nie, nie, nie über so etwas hinweg kommen würde und dass man gar nicht erst versuchen sollte, auf Frohsinn zu machen! Nein, mit den Psychiatern hatte Sanne es sich schon mehr oder weniger am ersten Tage verscherzt gehabt, nämlich da, als sie die Bemerkung hatte fallen lassen, ob die beiden wohl ganz in schwarz gekleidet waren, um die Folteropfer aufzuheitern! Okay, fein war das nicht von ihr gewesen, sozusagen ein Hieb unter die Gürtellinie, aber sie hatte die Flüchtlinge zu gern gehabt und wollte sie auf keinen Fall durch die negativen Einflüsse der beiden deprimierten Psychiater verletzt sehen! Wären es nur die beiden dunklen Mimosen gewesen, hätte das den Brei vielleicht auch nicht so fett gemacht, wie er letztendlich wurde... Doch da waren andere, deren Sannes Erfolg und das Wohlergehen der Flüchtlinge nicht so ganz in den Kram passten. Sanne hatte mit den Ärzten entschieden, dass gesundes, vitaminreiches Essen aus guten Rohwaren gekocht wurde. Alle Extras und alles Künstliche war gestrichen worden und stattdessen hatte man das Geld dazu benutzt, um frisches Obst und andere Dinge zu kaufen, die die Flüchtlinge sich gewünscht hatten. Doch wo blieben da die Träume des jungen Restaurant-Kochs, der an den exklusivsten Orten gearbeitet hatte und der doch selber so gerne seine eigenen Kreationen hatte servieren wollen? Er hatte diesen Job zwar nur zwischenzeitig angenommen, er war vom letzten Restaurant überraschend entlassen worden und wollte hier nur pausieren, bis er eine andere, mehr passende Stellung hatte, aber Sannes Bestrebungen waren ihm zweifellos ein Dorn im Auge gewesen und das absolut Allerletzte war es nun, das Sanne seiner ewig kränkelnden Freundin geholfen hatte und diese fortan zwar gesund war, aber nur noch ’Kaninchenfurtter frass’ und seine Kochkünste somit nicht einmal mehr bei ihr etwas galten! Jetzt kannte sein Hass für Sanne keine Grenzen mehr! Man musste dieser so verdammt beliebten Person den Graus machen. Denn so konnte es nicht weitergehen! Glücklicherweise war er nicht allein mit diesem Gedanken und fand Gehör bei Enid, einer seit Jahren arbeitslosen Lehrerin, die hier endlich ihre Traumstellung gefunden hatte, in der sie gemütlich in ihrem Büro durch den Tag dösen konnte . Doch Sanne hatte auch ihr ein Strich durch die Rechnung gemacht, als sie neulich bei einer Versammlung gesagt hatte, dass wir noch mehr erreichen könnten, wenn wir noch besser organisierten, planten und vor allem nach ethischen Richtlinien arbeiten würden. Dazu hatte sie doch glatt das Buch ‘The Power of Ethical Management’ ausgeteilt und gesagt, dass sie es selber sehr, sehr glücklich gemacht hätte, dieses Buch zu lesen. Einen Nerv hatte diese Person! Dieses junge Ding! Kommt hierher, mit so einem grossen Mundwerk und reisst es auch noch voll auf! Ethik! Ha! Sie sollte mal erfahren, dass nichts so läuft im Leben wie sie es sich mit ihren rosaroten Brillen vorstellt! Von wegen neue Ideen so leichtfertig in den Raum schleudern! Und Ethik, Ethik, Ethik! Was meinte Sanne überhaupt damit? Sie, Enid, war doch ethisch! Jedenfalls so ethisch wie man es in dieser eiskalten, harten Welt sein konnte... -Sanne hatte doch nicht etwa bemerkt, dass sie ihr Auto hatte umsonst von der Flüchtlingen reparieren lassen und dass sie manchmal auch ein paar Flüchtlinge mit zuhause hatte, die ihr hier und dort ein paar Arbeiten für etwas Schwarzgeld verrichteten...? Ach was! Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen. Sanne konnte es nicht mitbekommen haben! Es war ja schon dunkel und... Oder vielleicht hatte jemand die Lichter in der Garage gesehen? Sie wohnte ja nur schräg gegenüber vom Flüchtlingsheim und wenn sie diesen Job auch wieder verlierte, dann war es aus. In ihrem Alter fand Enid so schnell nicht wieder was Neues... Da fiel ihr ein, dass Sanne sie neulich angesprochen hatte, als sie beinahe die Treppe hinuntergefallen war. Verflixt auch! Diese dummen Schuhe hatten all zu hohe Absätze gehabt und das alte Treppengeländer war sowieso so wacklig... Sanne hatte gefragt, ob es ihr gut ginge und hatte ihr tief in die Augen gesehen und wollte sie auch noch stützen. Zum Teufel auch! Nein, sie war doch immer so vorsichtig, gurgelte immer sofort mit starkem Mundwasser, wenn sie sich “einen Kleinen” genehmigt hatte und überhaupt hielt sie den Schnaps in einer Thermosflasche in ihrer untersten Schreibtischschublade verschlossen... Sanne konnte also von nichts eine Ahnung haben. Oder doch? Enid schwitzte. Sie knöpfte sich die obersten zwei Knöpfe ihrer Bluse auf. Und so kam es, dass man sich ganz schnell einig wurde. Man würde an die Leitung des Flüchtlingslagers schreiben. Aber nicht in der Art, dass man Sanne für ihre direkten Taten offen angreifen würde, nein, denn was gab es da schon anzugreifen? Sie war doch die grosse Heldin schlechthin! Enid und der junge, ambitiöse Koch wandten sich an die beiden Psychiater, von denen sie wussten, dass es die einzigen waren, mit denen man Sanne nie zusammen lachen sah, aus welchem Grund auch immer... und suchten bei ihnen Trost. Der kam auch prompt und fiel viel besser aus als erhofft! Ja, die, Idee, an die Leitung zu schreiben war exzellent gewesen! Und keine Klage, bei der man sich hätte verzetteln können, war notwendig gewesen! An einem grauen Dezembertag war es dann so weit gewesen. Sanne hatte gerade noch ihre letzte Sünde verbrechen können und das Weinlager, das Enid und der Koch für die Angestellten erschaffen hatten, gefunden und nichts ahnend den Flüchtlingen zum festlichen Abendbrot serviert, als sie am nächsten Morgen zur Arbeit kam und ihren Chef verzweifelt und stirnrunzelnd in der Küche stehen sah. Nervös lief er auf- und ab, bis er endlich, ohne sie anzusehen murmelte: Doch Uffe, ihr Chef zeigte sich ungnädig. Er sagte, wenn zwei von vier Angestellten in der Abteilung sie anprangerten, dann konnte er nichts anderes tun, als dem nachzugeben. Sanne kämpfte verzweifelt, denn erstens hatte sie sich nichts zu schulden kommen lassen und zweitens ging es jetzt plötzlich auch noch um das Überleben ihrer eigenen Familie! “Uffe, du kennst mich doch, ich bin immer ehrlich gewesen, du weisst, dass ich nur gute Absichten hatte und immer Rechtes getan habe. Wir beide sind immer gute Freunde gewesen, hatten nie Probleme miteinander. Denkst du, dass ich mich urplötzlich in ein Monster mit vier Köpfen verwandle, wenn du den Raum verlässt?!” “Ja, so muss es wohl sein,” stammelte Uffe langsam, ‘Die Hälfte dieser Abteilung’! Nur weil’s einer mehr als nur eine einzige Person ist!!! Ja, krank sah er wirklich aus! Das konnte Sanne zweifellos sehen. Na wenigstens war es ihm nicht leicht gefallen, das Verkehrte zu tun! Verdammt noch mal! Sanne hatte wirklich gedacht, dass Uffe ein Rückgrad hatte und nicht so leicht zu manipulieren wäre! Doch egal, es half alles nichts! Sie verabschiedete sich von den Flüchtlingen und trat ein letztes Mal ihren Heimweg an. Dieses Weihnachten würde es kein grosses Fest geben, ja es war fraglich, ob sie überhaupt Essen und Windeln würde kaufen können, denn ihr stand nun keinerlei Unterstützung zu. Auch beim Arbeitsamt schüttelte man nur den Kopf. Nicht nur, weil zurzeit keine neuen Stellen offen waren, sondern auch darüber, wie naiv Sanne gewesen war. “Mein liebes Kind”, sagte die gutmütige alte Dame hinter den dicken Brillengläsern, die ihr ursprünglich die Stelle zugewiesen hatte, “Man hatte mich aber immer wieder nach Vorschlägen gefragt”, antwortete Sanne wahrheitsgemäss. “Ja, das tun sie immer! Aber nicht, weil sie wirklich deine Ideen hören wollen, sondern nur, damit sie ein Alibi haben, wenn nichts verbessert wird! Niedergeschmettert holte Sanne ihren Kleinsten aus der Krippe ab. Auch zum letzten Male, denn den Krippenplatz konnte sie sich jetzt auch nicht mehr leisten. Ihn aufzugeben war auch so eine Sache gewesen, denn wie sollte sie dann wieder Arbeit annehmen können? Zwei Tage später bekam sie tatsächlich eine Arbeitstelle zugewiesen, bei einer pharmazeutischen Firma. Nicht gerade das, was sie unterstützen wollte, aber ihre Situation war so ernst, dass sie einfach zum Vorstellungsgespräch gehen musste. Man empfand sie als geeignet und wollte sie sofort einstellen. Und zwar sollte sie sofort nach dem Gespräch anfangen zu arbeiten. Sie sagte, sie freue sich darüber, nur müsse sie erst einen Babysitter finden und könne dann morgen früh kommen. Dann wurde sie gefragt, ob sie nun den Job haben wolle oder nicht?! Aha, es war also auch nur Saisonarbeit gewesen! Und wie sie später herausfand, hätte man sie kurz nach Weihnachten sowieso entlassen! Und dafür hatte man sie genötigt, ihre Kinder unbeaufsichtigt allein zuhause zu lassen?! Sanne sah sich um -in ihrem grossen, schönen Haus. Sie hatten es in besseren Zeiten gekauft, als ihr Mann noch seine gute Managerposition gehabt hatte. Und heute konnte man es weder schnell genug verkaufen, noch ‘die Wände essen’! Was sollte nur werden? Zeit hatte sie nun zwar reichlich, aber noch nicht einmal Wolle, um einen Pullover zu stricken oder gar Stoffe, um etwas nähen zu können! Doch Not macht erfinderisch! Sanne sah sich um im Haus, nähte aus alten Kleidungsstücken neue Kleider und Stofftiere, räufelte alte Pullis auf, um neue, samt Schals, Mützen und Fäustlinge zu stricken. Die Nachbarin klagte, dass sie nicht wüsste, was sie mit all den Äpfeln machen sollte, die sie noch im Keller liegen hatte. Sanne kochte Apfelmus, Apfelgelee, mache Apfelstrudel, Apfelkuchen, gebackene Äpfel, Eierkuchen mit Äpfeln und so vieles mehr! Kartoffeln, Möhren, Kohl und Milch bekam sie von einem Bauern, dafür dass sie ihm im Haus half. Zu Essen würden sie nun also haben. Darüber brauchte sie sich keine Gedanken mehr zu machen. Und die Sache mit den Windeln hatte sich auch erledigt: von jetzt an trug das Kleinste Stoffwindeln! Sanne sass wieder einmal mit ihrem Strickzeug in der Stube, während sie den beiden Grossen mit den Schularbeiten half. Da klopfte es an der Haustür. Sie erwartete niemanden und besonders jetzt, wo die besser gestellten Freunde mitbekommen hatten, dass ihr Mann seine gute Stellung verloren hatte, fühlte man sich peinlichst berührt und hielt sich sicherheitshalber so auf Abstand, als sei in Sannes Haus die Pest ausgebrochen! Nein, sie erwartete in der Tat niemanden mehr! Und ihr Mann würde auch erst in einigen Stunden zuhause sein, denn der war in die Stadt gefahren, um sich erneut bei einigen Firmen vorzustellen. Jetzt klopfte es schon wieder. Es wird wohl jemand sein, der sich verirrt hat, dachte Sanne, als sie nun doch zur Tür ging. Doch was war das? Schnell fuchtelte sie mit es was schwerem Schwarzen hinter Sannes Rücken, die sich nun zur Seite gewandt hatte, um die grosse Schar ins Haus zu lassen. “Hier! Von uns allen, wir haben alle gesammelt und gebastelt” rief Ulla freudestrahlend aus. “Ja, das war mir auch gesagt worden, dass du so reagieren wirst!” sagte Ulla mit einem deutlichen Vorwurf in der Stimme, Sanne wollte in die Küche schlüpfen, um Kaffe und Tee zu brühen, doch sie hatten alles dabei: Körbe mit Thermosflaschen und selbstgebackenen Kuchen und Plätzchen..., ja sogar bosnische Frikadellen, Pasteten, Brot und Salate! Bis in den späten Abend wurde gefeiert, geredet und zusammen gesessen. Sanne fand überraschende Dinge heraus. Enid war schliesslich doch die Treppe hinuntergefallen und lag momentan noch in der Klinik. Das Essen des jungen Kochs war von den Ärzten als ‘Restaurant-Kost’ eingestuft worden, welche zwar sehr schmackhaft, aber nicht für die tägliche Nahrungsaufnahme geeignet war. Sie hatten weniger gewürzte Mahlzeiten verlangt und mehr Obst und Gemüse. Seine Ehre nun vollends verletzt, hatte der ambitiöse Koch nun wirklich das Handtuch in die Ecke geschleudert und lebte seitdem gut von seinem Arbeitslosengeld. Und die Psychiater hatten ihren vorübergehenden Aufenthalt dort sowieso beendet und waren weiter, zum nächsten Lager gezogen. “Eigentlich”, so hatte Ulla gesagt, Ja, so geht es im Leben, nichts ist je sicher, nichts hält ewig! Etliche Jahre sind seit jenem Weihnachten vergangen. Sanne hatte keine neue Arbeit finden müssen, denn ihr Mann bekam wieder eine gute Anstellung und diesmal wurde er sogar Teilhaber der Firma und konnte sicherstellen, dass der neue Betrieb nicht auch in die roten Zahlen sackte. Ulla und die anderen fanden ebenfalls neue, gute Aufgaben, wenn auch ganz andere, als im Lager. Von den Flüchtlingen sind die meisten heute nicht mehr im Dänemark. Sobald es ihnen möglich geworden war, sind sie zurück, in ihre Heimat gegangen. Doch der Kontakt blieb bestehen und ganz besonders zur Weihnachtszeit flattert so manch ein Brief ins Haus, sowohl hier, als auch in Bosnien! Noch mehr schöne Geschichten könnt ihr nachlesen in Sarah Sofia`s Buch: |